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SEBASTIAN STEUDE
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Šumava-Magistrale

Nur zwei Autostunden von München entfernt, an der Grenze zwischen Bayern und Tschechien, liegt einer der größten zusammenhängenden Wälder Mitteleuropas: der Böhmerwald. Lange Zeit Kern einer menschenleeren Wildnis, wurden die Hochlagen erst sehr spät besiedelt. Vor allem Holzknechte waren es, die sich ab dem 18. Jahrhundert in dieser Waldeinsamkeit niederließen und ein karges Dasein fristeten. Die Sommer waren kurz und kühl, die Winter lang und hart – acht Monate Winter, vier Monate kalt, sagte man. Oft lag über einen Meter Schnee, manchmal sogar zwei, in Extremfällen mehr als drei Meter. Nicht verwunderlich also, dass die Waldler bereits zur Jahrhundertwende häufig auf einfachen Skiern anzutreffen waren. Nun ja, die Zeiten haben sich seitdem etwas geändert und die zunehmend milden Winter sind auch im Böhmerwald deutlich zu spüren. Der erste Herbstschnee schmilzt meist wieder komplett dahin, an Weihnachten kann man eher mountainbiken als langlaufen und eine dauerhafte Schneedecke bildet sich oft erst zum Jahreswechsel oder Anfang Januar. Doch auch wenn der Schnee nicht mehr ganz so lange liegt wie früher, so gibt es ihn immerhin noch und zumindest zwischen Anfang Januar und Anfang März hat man nach wie vor sehr gute Chancen auf ausreichend Schnee.

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In unserem Fall sind es etwa 25 Zentimeter, als wir in Bayerisch Eisenstein aus der Waldbahn steigen. Der Grenzort am Fuße des Großen Arbers geht direkt in das tschechische Železná Ruda über, sogar der Bahnhof ist in einen tschechischen und einen bayerischen Teil aufgeteilt. Nun müssen wir lediglich die Gleise überqueren, dann können wir auch schon unsere Skier anschnallen, die Pulka herrichten und schon kann es losgehen. Die ersten anderthalb Kilometer gleiten wir noch auf einem ungespurten, aber gut ausgetretenen Forstweg durch den Mischwald, dann erreichen wir eine Kreuzung an der ehemaligen Grenzwachtkompanie von Deffernik, deren leer stehende Gebäude auf einer Wiese ihrem Verfall preisgegeben sind. Ab hier ist die Loipe gespurt. Wenige Minuten später begrüßt uns eine große Holztafel im Nationalpark Šumava. Der nach dem Zerfall der Tschechoslowakei 1991 gegründete Nationalpark ist mit 690 Quadratkilometern mehr als doppelt so groß wie sein Pendant auf bayerischer Seite und verfügt über sieben frei zugängliche Biwakplätze, an denen man ganz legal in freier Natur zelten darf.

Für uns geht es nun erst einmal bergauf – rund 400 Höhenmeter gilt es zu überwinden, bis uns eine längere Abfahrt hinunter nach Hůrka bringt, unserem ersten Übernachtungsplatz. Idyllisch liegt der Zeltplatz auf einer freien Wiesenfläche. Wie so viele Dörfer und Siedlungen auf tschechischer Seite war auch Hůrka (Hurkenthal) bis 1945 bewohnt, wurde allerdings nach dem Zweiten Weltkrieg zur Sperrzone erklärt, weshalb die letzten Bewohner vertrieben oder umgesiedelt wurden. Ein tragischer Umstand, der allerdings maßgeblich dazu beitrug, dass sich die Natur in dem Grenzgebiet in den letzten achtzig Jahren relativ ungestört entwickeln konnte. Die Nacht ist sternenklar und dicker Raureif bedeckt am folgenden Morgen unser Zelt. Dafür können wir bei Sonnenschein zur zweiten Etappe starten. Nach Prášily (Stubenbach) führen zwei Wege: einmal auf relativ direktem Weg die ausgeschilderte Šumava-Magistrale und dann eine weitere gespurte Loipe – insgesamt zwar ein paar Kilometer länger, dafür landschaftlich jedoch auch sehr viel schöner –, die erst am zugefrorenen Lackensee vorbeiführt, zur Wüstung Obersteindlberg und dann auf einer recht wilden Abfahrt hinab nach Prášily.

In Prášily müssen wir zum ersten (und einzigen) Mal auf der gesamten Tour unsere Skier ausziehen. Etwa zweihundert Meter tragen wir unsere Pulka an der still daliegenden Hauptstraße entlang, dann treffen wir wieder auf eine Loipe. Obwohl der Böhmerwald lediglich ein hügeliges Mittelgebirge ist, gilt es auch hier wieder mehr als vierhundert Höhenmeter bis zum Gipfel des 1.315 Meter hohen Poledník zu überwinden – am späten Nachmittag und mit einigen Kilometern wie auch Höhenmetern in den Beinen gar keine allzu leichte Aufgabe. Die Pulka, die ja eigentlich nur ein etwas modifizierter Kinderschlitten ist, tut auf der bereits komplett zerfahrenen und darüber hinaus auch noch etwas eisigen Loipe ihr Übriges, um es uns nicht gerade einfach zu machen. Im Hausfrauenschritt kämpfen wir uns nach oben, den optionalen Abstecher zum Stubenbachsee lassen wir links liegen, dann erreichen wir im letzten Licht der untergehenden Sonne endlich die flachere Hochebene unterhalb des Gipfels. Als hinter uns völlig überraschend eine Pistenraupe auftaucht, die eine perfekte, frische Spur hinter sich herzieht, ist es fast schon zu spät – schade, die hätten wir eine halbe Stunde vorher noch besser gebrauchen können. Dennoch ist es natürlich ein Genuss, nun noch das letzte Stück zum Gipfel auf der frisch gespurten Loipe gleiten zu können. Leider schlägt das Wetter in der Nacht um und dicke Regentropfen prasseln immer wieder auf unser Zelt. Als wir am später Morgen endlich die Motivation aufbringen können, aus den warmen Schlafsäcken zu kriechen, regnet es zwar nicht mehr, dafür umfängt uns dichter Nebel und an den Fichtenzweigen hängen dicke Wassertropfen – mit Winteridyll hat das nicht mehr viel zu tun.

War es die letzten beiden Tage recht ruhig, so kommen uns nun, am Samstag, auf dem Weg hinab in Richtung Modrava (Mader) überraschend viele Langläufer entgegen. Dafür wird das Wetter zum Glück wieder besser und da die Etappe auch nicht allzu lang ist, unternehmen wir noch den kurzen Abstecher auf den Oblík, der einen schönen Ausblick über die umliegende Landschaft bietet. Die Abfahrt im schweren Schnee durch den Fichtenwald ist allerdings auch mit unseren etwas breiteren Backcountry-Skiern eine Herausforderung. Zurück auf der Magistrale führt uns die Loipe hinab ins Mader Filz. Das große Hochmoorgebiet liegt komplett in der Kernzone des Šumava-Nationalparks und stellt einen bedeutenden außeralpinen Lebensraum für das stark gefährdete Auerhuhn dar. Die folgenden acht Kilometer bis nach Modrava führen sehr idyllisch am Rachelbach entlang. Die Wiesen in seinem Grund bieten einen schönen Kontrast zu den dichten Wäldern, durch die wir bisher vorzugsweise gelaufen sind. Unser heutiger Zeltplatz befindet sich kurz vor dem kleinen Ort – und diesmal sind wir tatsächlich nicht alleine. Im Gegensatz zu uns ist Georg mit Langlaufski und ohne Pulka unterwegs – dafür jedoch mit einem 18-Kilo-Rucksack, und während wir es eher entspannt angehen, hat er mit bis zu 35 Kilometer langen Tagesetappen ein ziemlich straffes Programm.

So ist er auch schon lange unterwegs, als wir am folgenden Morgen unsere Sachen zusammenpacken. In Modrava erwartet uns dann ein ziemlicher Kulturschock – die laute Schlagermusik, die am vergangenen Abend aus dem Ort zu unserem Zelt wehte, ließ zwar bereits nichts Gutes erahnen, dass der Ort nun aber wirklich aus allen Nähten zu platzen droht, überrascht uns dann doch – ebenso wie die Hunderte von Langläufern, die sich nun mit uns in Richtung Březník (Pürstling) aufmachen. Nach der bisherigen Ruhe ist das eine gehörige Umstellung, an die wir uns erst einmal gewöhnen müssen. Faszinierend ist das Getümmel allerdings schon: Jung und Alt sind unterwegs, Genussläufer und Leistungssportler, Paare und Gruppen von Freunden, ganze Familienausflüge scheinen es teilweise zu sein. Auch wenn wir uns damit schwertun, so ist es doch schön, dass die Loipen so rege genutzt werden. Zum Glück lassen wir den größten Teil des Trubels bald hinter uns und in Březník ist es dann schon sehr viel ruhiger. Das namensgebende Forsthaus liegt in einem flachen Talschluss und dürfte der abgelegenste Ort im ganzen Böhmerwald sein. Bewaldete Hügel umschließen das Tal, im Hintergrund zeigt sich die baumfreie Kuppe des Lusen. Auf rund 1.200 Metern Höhe gelegen, ist Březník auch der kälteste Ort im Böhmerwald – etwa 3,7 °C beträgt die Jahresdurchschnittstemperatur. Karel Klostermanns bekannter Roman „Aus der Welt der Waldeinsamkeiten“ spielt in dieser weltabgewandten Region.

Nach einer kurzen Pause beginnt es zu schneien und wir fahren zwei Kilometer zurück zu einer Abzweigung, an der wir nun nach rechts in Richtung Bučina abbiegen. Über drei Hügel führt die Loipe durch den dichten Nadelwald, Menschen sehen wir kaum noch – und immer stärker schneit es. Endlich zeigt sich der Böhmerwald noch einmal von seiner richtig winterlichen Seite. In der einsetzenden Dämmerung erreichen wir den Biwakplatz von Bučina (Buchwald) und schlagen schnell unser Zelt auf. Für uns ist es die letzte Nacht im Zelt, da wir lediglich fünf Tage Zeit haben und am folgenden Morgen die Tour auf deutscher Seite in Finsterau beenden. Wer genügend Zeit und Kondition hat, kann von hier allerdings noch weiter auf der Šumava-Magistrale bleiben und die Tour erst 30 Kilometer weiter südlich in Haidmühle beenden.

Auf über 1.150 Metern Höhe gelegen, war Bučina einst die höchstgelegene Siedlung im Böhmerwald – und mit fast 500 Einwohnern auch gar nicht so klein. Eine Kirche gab es, einen Gasthof und sogar eine Schule – von all dem ist nichts mehr erhalten, denn wie praktisch alle anderen grenznahen Siedlungen wurde auch Bučina nach dem Zweiten Weltkrieg geräumt und die Häuser abgerissen. Heutzutage gibt es lediglich noch das Hotel Alpenblick – und tatsächlich: Als wir am folgenden Morgen aus dem Zelt klettern, können wir über das Tal von Donau und Inn bis zur Kette der Nördlichen Kalkalpen schauen. Kurz hinter dem Hotel – direkt daneben befindet sich noch ein Teil der alten Grenzbefestigungen mit Grenzzaun, Wachturm und Panzersperren – führt eine Loipe über eine Brücke zurück nach Bayern. Nun gleiten wir noch vier Kilometer auf der wunderschönen – und gerade frisch gespurten – Buchwaldloipe zum Langlaufstadion von Finsterau, wo unsere Tour ihr Ende findet – nach fünf Tagen, auf denen wir lediglich einmal unsere Ski abschnallen mussten. Der Böhmerwald ist halt ein echtes Langlaufparadies.


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© 2026 Sebastian Steude

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