SEBASTIAN STEUDE
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15. März 2023
Neuerschneinung "Wanderführer Western Way"

Ich freue mich sehr, dass nach anderthalb Jahren Arbeit mein drittes Buch erschienen ist. Der "Wanderführer Western Way" beschreibt den 240 km langen Fernwanderweg durch den Nordwesten der irischen Insel detailliert und mit allen nötigen Infos.

Bestellung beim Conrad-Stein-Verlag








01. November 2022
Edelweißlahner - Südpfeiler

Am ersten November gelangen Flo Hübschenberger und mir eine der bis dato seltenen Wiederholungen des Edelweißlahner Südpfeilers an der Reiter Alm. Die gesamte Tour wurde zu einem überraschend großen Abenteuer mit anspruchsvoller Kletterei, einem nicht enden wollenden Grat und einem Abstieg im Dunkeln. Oder wie der Flo es ausdrückt: "Eine gewaltige Route, gewaltig gut, gewaltig anspruchsvoll! Was nicht alles für einen Fünfer möglich ist. Defensive Bewertungen kennt man ja aus Routen-Kreationen von Albert Precht, aber am Edelweißlahner wird das persönliche Können einmal mehr in Frage gestellt."












20. Juni 2022
Neuerschneinung "Bergführer Berchtesgaden und Chiemgau"

Endlich ist es soweit und nach mehr als drei Jahren Arbeit halte ich den "Bergführer Berchtesgaden und Chiemgau" in den Händen. Auf 240 Seiten werden mehr als 60 alpine Kletterrouten und Überschreitungen in den Berchtesgadener und Chiemgauer Alpen vorgestellt.

Bestellung beim Panico-Verlag








12. September 2021
Packrafttour auf der Regen

Der Regen ist ein 190 Kilometer langer Nebenfluss der Donau und nach der Naab der zweitgrößte Fluss der Oberpfalz. Vor allem der Schwarze Regen, der südliche Quellfluss, ist bei Kajakfahrern äußerst beliebt, führt er doch durch eine abwechslungsreiche und für deutsche Verhältnisse relativ abgelegene Landschaft im Bayerischen Wald.

Mitte September treffe ich mich mit meiner Schwester und ihrem Freund in Roding, um den oberen Abschnitt des Flusses zwischen der Stadt Regen und Roding zu befahren. Die ersten Kilometer führen durch ein waldreiches Tal und dieser Abschnitt heißt nicht umsonst „Bayerisch-Kanada“. Die Strömung ist meist flott und immer wieder sorgen kleinere Stromschnellen für Abwechslung. Gleich am Beginn des zweiten Tages erreichen wir mit dem „Bärenloch“ die erste Schlüsselstelle der Tour (WW II) und dann passiert es: Arne bricht sein Paddel. Er schafft es anzulanden und wir suchen in der folgenden Kurve nach dem Paddelblatt, geben aber bald auf. In dem dunklen Wasser hat man keine Chance das Blatt zu finden. Am Ufer beratschlagen wir uns, doch dann finde ich zufällig im Wald ein Förmchen und wir entschließen uns mit viel Panzertape und einer Angelschnur ein provisorisches Paddelblatt zu basteln. Perfekt ist unser Konstrukt zwar nicht gerade und vor allem Arne ist anfangs skeptisch, doch nach ein paar zaghaften Versuchen ist klar, dass es hält und das ist ja erst einmal die Hauptsache. So setzen wir unsere Fahrt also fort und erreichen kurz vor Teisnach das erste Wehr. Da die Umtragestrecke mit ihren 800 Metern sehr lang ist und wir nicht mehrmals gehen wollen, versuchen wir, unsere Boote mit dem ganzen Gepäck alleine auf dem Rücken zu tragen. Die ersten hundert Meter gehen noch, aber dann wird es sackrisch schwer und ich bin froh, als ich endlich am Wiedereinstieg stehe. Von Sarah und Arne ist allerdings keine Spur mehr zu sehen und so laufe ich zurück. Auf halber Strecke liegt Arnes verwaistes Boot auf dem Weg und ich denke mir, dass er wohl nach Sarah schauen wird, weshalb ich sein Boot ebenfalls vortrage. Kaum habe ich den Wiedereinstieg erreicht, als auch schon Arne aufschließt – ohne Sarah. Gemeinsam machen wir uns auf die Suche nach ihr, doch wir können sie nirgends finden. Es gibt einen einzigen Abzweig auf der Strecke und ich laufe über anderthalb Kilometer bis kurz vor Teisnach, aber sie ist einfach nicht zu sehen. Arne wird in der Zwischenzeit langsam aber sicher unruhig und denkt bereits an ein Verbrechen. Eine gute Stunde suche wir alles ab, dann steht Sarah mit ihren knallgelben Boot genervt vor uns. Sie war tatsächlich falsch abgebogen, wollte quer durch Wald abkürzen, als sie es merkte und hat sich dabei mit ihrem Boot heillos im dichten Gestrüpp verstrickt, bis sie schließlich wieder umgedreht ist. Ich kann es nicht fassen, aber Arne ist einfach nur froh, dass sie wieder da ist.

Kurz hinter Teisnach folgt noch ein kleineres Wehr und wir haben dazugelernt: Diesmal tragen wir die Boote gemeinsam, gehen lieber mehrmals und lassen vor allem Sarah nicht mehr aus den Augen. Nach dem Wehr geht es wieder in ein enges Waldtal und die Strömung bleibt flott, bis der Rückstau des Wasserkraftwerks Gumpenried beginnt. Durch die beiden Verzögerungen ist es bereits spät und wir schicken uns, liegen doch noch ein paar Kilometer bis Gstadt vor uns. Kurz hinter dem Kraftwerk befindet sich mit dem „Gumpenrieder Schwall“ (WW II-III) die zweite Schlüsselstelle der Tour. In einem Bericht haben wir gelesen, dass man rechtzeitig rechts anlanden soll, um sich die Stromschnelle vorher anzuschauen und gegebenenfalls zu umtragen. Dies machen wir natürlich auch vorbildlich, allerdings schaut der Schwall gar nicht so wild aus, so dass wir ihn alle fahren wollen. Ich fahre als erstes und warte danach an einem Felsblock. Auch Sarah und Arne haben keine Probleme und zufrieden wollen wir nun gen Abendsonne paddeln. Doch kurze Zeit später wird das Rauschen wieder lauter und wir müssen feststellen, dass wir zu früh angelandet sind und der Gumpenrieder Schwall erst noch vor uns liegt. Jetzt heißt es: Augen zu und durch! Der Schwall ist wirklich äußerst spritzig und die ein oder andere Welle schwappt voll ins Boot, dennoch macht er richtig Spaß und ich bin etwas enttäuscht, dass es so schnell schon wieder vorbei ist.

Am folgenden Vormittag erreichen wir Viechtach, die erste Stadt direkt am Fluss. Während Sarah und ich beim Bäcker ein bisschen Verpflegung für die kommenden Etappen kaufen, kann sich Arne von einem Kanuverleih ein neues Doppelpaddel leihen, da das Förmchen vor allem im zahmen Wasser dann doch einen kleinen Leistungsabfall bei ihm verursacht hat.

Die Landschaft bleibt weiterhin wunderschön, da die Regen durch zwei große Kraftwerke allerdings seeartig aufgestaut wird, nimmt die Strömung deutlich ab und wir müssen uns gehörig ins Zeug legen, um unseren Schnitt zu halten. Am Höllensteinsee machen wir eine Pause und gehen Pilze suchen. Beziehungsweise eigentlich eher Pilze sammeln, denn die leckeren Waldfrüchte wachsen hier in solchen Mengen, dass wir uns nur die schönsten Exemplare rauspicken können. Gut versorgt, paddeln wir noch anderthalb Stunden weiter, bis wir am Blaibacher See anlanden und unsere Zelte aufschlagen. Zum Abendessen gibt es natürlich Pilze, doch scheint Sarah irgendetwas nicht zu vertragen, denn sie bekommt in der Nacht massive Magen-Darm-Probleme. Da sie am folgenden Morgen total gerädert ist und es auch Arne nicht gut geht, beschließen wir schweren Herzens die Tour abzubrechen und ich mache mich zu Fuß auf den Weg nach Blaibach, um dann mit dem Zug nach Roding zu fahren und das Auto zu holen.

Da es mir gut geht, will ich die zwei Tage trotzdem noch im Bayerischen Wald bleiben und etwas wandern gehen und so sitze ich am Abend wieder an unserem Einstieg in Regen, an dem wir drei Tage vorher gestartet sind und esse Spaghetti mit Pesto. Während ich im Auto schlafe, werde ich um 3 Uhr nachts wach. Irgendetwas stimmt nicht. Ich brauche etwas, bis ich bemerke, dass mir schlecht ist und dann kommt es auch schon hoch. Ich schaffe es gerade noch aus dem Auto und kotze mir sprichwörtlich die Seele aus dem Leib. Zitternd setze ich mich wieder ins Auto und warte, ob es besser wird, doch mir ist hundeelend und zehn Minuten später muss ich mich schon wieder übergeben. Das macht so keinen Sinn und ich beschließe, heimzufahren. Es soll die schlimmste Autofahrt meines Lebens werden. Alle Viertelstunden lang muss ich anhalten und mich übergeben. Nach fünf Stunden komme ich endlich zu Hause an und falle völlig erledigt ins Bett.
















21. Juli 2021
Überschreitung des Hochkaltermassivs

Die Überschreitung des gesamten Hochkaltermassivs führt über 16 große und kleinere Gipfel zwischen dem Hintersee und dem Hirschbichlpass und ist die längste und mit Abstand schwerste Überschreitung im bayerischen Teil der Berchtesgadener Alpen. Im eher wechselhaften Sommer 2021 ist es nicht leicht, einen passenden Termin zu finden, aber Ende Juli wird zwei Tage am Stück stabiles Wetter vorhergesagt und so mache ich mich an einem Mittwochvormittag auf den Weg nach Ramsau. Vom Parkplatz Seeklause geht es auf dem markierten Weg zur Schärtenalm und weiter durch den Wald auf den ersten Gipfel, den 2.065 Meter hohen Steinberg. Auf dem anschließenden, selten begangenen Gratstück in Richtung Schärtenspitze ist das Eingehen vorbei und zum ersten Mal kommen die Hände zum Einsatz. Dennoch ist der Grat viel gutmütiger, als es im ersten Moment den Anschein hat. Nach 20 Minuten stehe ich vor der senkrecht aufragenden Nordostwand der Schärtenspitze und wechsel in die Kletterschuhe. Ich fühle mich gut und trotz der fehlenden Sicherung geht es nun überraschend genussvoll in sechs Seillängen gen Gipfel. Auf dem langgezogenen Grat zur Eisbodenscharte brandet der Nebel von Osten an die Felsen und schafft ein tolles Schauspiel, bevor ich in den äußerst langen Nordgrat zur Blaueisspitze einsteige. Geschickt führt die Route im I. und II. Grad am erste Blaueisturm vorbei. Am 2. Turm hat ein Felssturz in den 60er Jahren jedoch für etwas schärfere Bedingungen gesorgt und an dem bekannten Spreizschritt im Kamin (IV+) packe ich zum ersten und einzigen Mal auf dieser Tour das Seil aus. Anschließend wird das Gelände wieder etwas gutmütiger und lediglich an einem 25 Meter langen Riss zum Gipfel der Blaueisspitze wird nochmals kurz der obere IV. Grad erreicht. Weiter geht es über die abgelegene Blaueisscharte und die gestufte Nordostwand zum Hochkalter, dem mit seinen 2.607 Metern höchsten Gipfel der Gruppe.

Von den Bergsteigern, die normalerweise die beliebte Hochkalterüberschreitung unternehmen, ist an diesem Nachmittag bereits nichts mehr zu sehen und so mache ich mich nach einer kurzen Rast auf, um über den Südgrat zur Ofentalscharte abzuklettern. Anstatt weiter auf dem Normalweg ins Ofental abzusteigen, bleibe ich direkt am sehr scharf und ausgesetzt werdenden Grat, der hoch über der riesigen Plattenflucht der sogenannten „Schönen Wand“ zum selten besuchten Schönwandeck führt, einem unbedeutenden Gratabsatz zwischen Hochkalter und Ofentalhörnl.

Dass die Wand eigentlich nicht das einzige schöne an diesem Tag sein sollte, sondern auch schönes Wetter angesagt war, scheint ebenjenes Wetter nicht mitbekommen zu haben, denn statt in der Sonne zu wandeln, versuche ich durch den immer dichter werdenden Nebel den Weiterweg über den Nordgrat zum besagten Ofentalhörnl zu finden, was sich als gar nicht so einfach herausstellt, da der direkte Grat ungangbar wird und ich ein paar sehr steile und rutschige Höhenmeter ins Kar absteigen muss. Zum Glück finde ich zwischen den Plattenwänden den richtigen Einstieg in eine dunkle Einschartung und gelange schließlich zum Gipfel. Der Übergang vom Nordost- zum Südwestgipfel ist auf abschüssigen, äußerst ausgesetzten Bändern eine recht wackelige Angelegenheit, die nochmals volle Aufmerksamkeit erfordert. Dann wird das Gelände endlich leichter und nach einem kurzen Abstieg kann ich genussvoll über den schönen Nordgrat (II) zum Steintalhörnl klettern. Langsam wird es dunkel und ich beeile mich, über die riesige Südwestflanke ins Sittersbachtal abzusteigen.

Ein paar Meter über dem Talgrund, zwischen ein paar schützenden Blöcken, richte ich mir ein einfaches Biwak ein, esse ein Croissant und versuche, etwas Schlaf zu finden. Die Nacht ist überraschend kalt, aber am folgenden Morgen ist dafür endlich der Nebel verschwunden und ich steige gleich zur Sittersbachscharte auf, um mich in der Sonne etwas aufwärmen zu können. Auf das folgende Gratstück zur Hochfeldscharte bin ich sehr gespannt, denn in dieser Gegend war ich noch nie und in meinem Alpenvereinsbüchlein ist von einer sehr lohnenden Route die Rede. Ich halte mich mit einem Urteil extra lange zurück, denn vielleicht wird es ja noch besser, aber später, als ich endlich den höchsten Punkt der Wimbachschneid erreicht habe, kann ich nur sagen: Was ein Scheiß! Derjenige, der das geschrieben hat, war entweder Masochist oder Sadist. Der Grat ist extrem brüchig, splittrig und teilweise sehr ausgesetzt, die gangbare Route ist nicht immer eindeutig. Es ist ein Eiertanz und immer wieder muss ich an plötzlichen Abbrüchen umkehren und es auf einen anderen Weg versuchen. Na ja, ich habe es geschafft. Das ist die Hauptsache und ich kann nun unschwierig zur Hochfeldscharte absteigen. Hier mache ich wieder eine kurze Pause, bevor mit dem Ostgrat auf die Hocheisspitze das letzte Wagnis ansteht, denn den Rest der Tour kenne ich schon von früheren Begehungen.

Der gezackte Beginn des Ostgrats wird laut Führer einfach im Kar umgangen und der obere Teil schaut auch nicht schwer aus. Der Mittelteil baut sich jedoch fast senkrecht auf und sieht von der Hochfeldscharte betrachtet recht beeindruckend aus. Normalerweise gibt sich das allerdings, wenn man direkt davor steht. Eine halbe Stunde später stehe ich direkt davor und der Mittelteil sieht blöderweise immer noch nicht einladender aus. Ich klettere über eine steile Rampe auf den Grat, dann ist der Spaß endgültig vorbei. Ein feiner Riss zieht von hier nach oben. Die Route ist mit IV bewertet, aber ungesichert schaut das deutlich schwerer aus. Kann man das nicht doch irgendwie umgehen? Kann man nicht. Soviel ist klar. Ich überlege hin und her. Ist es die Tour wirklich wert, dieses Wagnis einzugehen? Offensichtlich schon, denn ich ziehe meine Kletterschuhe an. Dann starte ich einen ersten Versuch und klettere wieder zurück. Es ist und bleibt steil, aber immerhin ist hier der Fels nicht mehr so brüchig. Ich versuche es nochmal und klettere durch. Oberhalb des Risses steckt sogar ein alter Schlaghaken. Ich klettere links vorbei und über etwas leichteren, nun wieder brüchigen Fels in eine Nische. Oberhalb der Nische befindet sich ein kleiner Überhang – noch etwas schwerer als der Riss. Na super. Ein vernünftiger Stand lässt sich nicht bauen und abklettern kann ich nun auch nicht mehr. Also bleibt nur die Flucht nach oben. Ein Blick zurück führt mir die fatalen Konsequenzen eines missglückten Versuchs ganz deutlich vor Augen. Aber im Grunde ist es ja ganz einfach, man muss sich nur gut festhalten. Etwas rechts der Nische ist eine Schuppe, die ganz guten Halt bietet und darüber ein kleiner Riss, der den Überhang durchzieht. Ich mache einen Zug, aber es fehlen ganz eindeutig die Henkel, um die zwei Meter sicher klettern zu können. Ich schaue nochmal nach rechts und links, aber der Riss scheint die einfachste Stelle zu sein. Ich versuche es wieder und wieder klettere ich nach einem Zug zurück. Schließlich fummle ich eine Schlinge aus dem Rucksack und versuche sie wie ein Lasso über eine kleine Felsnase zu werfen. Im dritten Versuch schaffe ich es und ziehe vorsichtig an der Nase. Mit ziemlicher Sicherheit ist dies lediglich eine moralische Sicherung, aber es beruhigt die Nerven trotzdem und ich klippe meine Selbstsicherung in die Schlinge. Ich atme tief durch, mache zum dritten Mal den ersten Zug und steige diesmal mit den Füßen ein Stück höher. Ich stehe sehr wackelig und taste mit einer Hand über dem Überhang nach einem brauchbaren Griff – und genau wie befürchtet finde ich keinen. Aber jetzt gibt es kein Zurück. Also halte ich mit ganzer Kraft einen gefundenen, schlechten Griff, ziehe mich nach oben und schaffe es das Knie über den Überhang zu bekommen. Ich bin erleichtert und atme erst einmal tief durch. Eine Rinne leitet nun in leichteres Gelände und beschwingt klettere ich zum Gipfel der Hocheisspitze. Nach einer kurzen Pause beginne ich mit der Überschreitung zum Kammerlinghorn. Das Teilstück kenne ich bereits von der Hocheisumrahmung, so dass es kein Problem mehr darstellt, auch wenn mir der Grat in diese Richtung etwas schwerer vorkommt.

Um halb vier erreiche ich mit dem Kammerlinghorn den letzten größeren Gipfel der Tour. Jetzt wartet nur noch der Karlkopf, den man aber im Abstieg mehr oder weniger mitnimmt. Die perfekte Zeit, um also noch etwas auf dem Gipfel zu sitzen und zufrieden auf das Geschaffte zu blicken? Schön wäre es, aber irgendwie ist man halt leider doch getrieben und so überlege ich schon, ob man die frühe Stunde nicht noch nutzen könnte. Es gibt da beispielsweise eine Klettertour durch die Nordostwand auf das Kammerlinghorn. Vielleicht könnte man über die Route absteigen? Ich werfe also einen Blick in die besagte Rinne, die schaut mir jedoch für den Abstieg zu ausgesetzt aus. Aber es gibt ja noch diesen kleinen, luftigen Spitz im Nordwestgrat des Kammerlinghorns, das Kleineishörnl. Das wollte ich mir sowieso mal anschauen und wäre doch der perfekte Ausklang. Also steige ich nicht auf dem normalen Wanderweg über den Karlkopf zur Mittereisalm ab, sondern wandere weglos über ein scharfes Karrenfeld in Richtung Kleineishörnl. Und kurz bevor ich den Grat erreiche, passiert es: Ich hüpfe zwischen den Karren hin und her, passe nicht richtig auf und plötzlich rutscht der Block, auf den ich springe, zur Seite weg. Ich falle ebenfalls zur Seite und mit viel Schwung direkt mit dem linken Oberschenkel gegen eine spitze Felsnase. Sofort fährt mir ein beißender Schmerz durch das Bein und ich schreie auf. Ich setze mich hin und hoffe, dass es gleich besser werden wird, aber es wird nicht besser und mir kommen vor Schmerz die Tränen. Was tun? Das Kleineishörnl kann ich auf jeden Fall knicken, aber auf keinen Fall will ich die Bergwacht anrufen. Die würden wahrscheinlich mit dem Heli kommen und wie peinlich wäre es da am Ende, wenn der Oberschenkel nur stark geprellt ist. Also mache ich mich an den langwierigen Abstieg. Allein eine Stunde brauche ich für die 250 Meter durch das kleine Karrenfeld, bis ich endlich wieder auf dem Wanderweg bin. Mein Oberschenkel schmerzt bei jedem Schritt und vor allem hohe Tritte sind die Hölle.

Schritt für Schritt steige ich weiter ab, immer mit möglichst viel Entlastung durch die Wanderstöcke. Irgendwann überholt mich ein junger Wanderer. Ich höre ein kurzes Servus und schon ist er wieder verschwunden. Dann klingelt mein Handy. Es ist meine Mutter und ich gehe ran. Sie fragt mich, wo ich gerade bin und ich überlege kurz. Dann erzähle ich es ihr und sie macht sich natürlich Sorgen. Wir vereinbaren, dass ich mich melde, sobald ich bei der Mittereishütte angelangt bin. Doch dann passe ich nicht richtig auf, mir fällt das Handy runter und es ist kaum zu glauben, aber es fällt doch genau auf den Startknopf, der etwas eingedrückt wird, so dass es sich nun alle fünf Sekunden neu startet.

Ich drücke etwas darauf herum, aber keine Chance, es ist nichts zu machen. Ich kann nicht mehr telefonieren und das Vibrieren alle fünf Sekunden macht mich wahnsinnig. Außerdem habe ich riesigen Durst. Oben am Gipfel habe ich alles getrunken, weil ich ja sowieso bald im Tal sein würde. Nun bin ich schon seit vier Stunden in der Abendsonne unterwegs. Ich setze alle Hoffnungen auf die Viehtränke der Mittereisalm, doch die ist leer. Ich bin völlig niedergeschlagen. Aber dann läuft doch keine fünf Minuten später ein kleiner Bach neben dem Weg, der auf den Karten gar nicht eingezeichnet ist. Was gibt es Schöneres! Nun geht es über die Forststraße weiter hinab zur Bindalm, die ich nach fünf Stunden Abstieg im Dunkeln erreiche.

Langsam aber sicher kann ich nicht mehr, doch vor der Alm steht ein Auto und ich schöpfe Hoffnung. Ich klopfe. Schließlich machen mir zwei ältere Frauen auf, die sich allerdings leider als nicht gerade hilfsbereit erweisen. Sie müssten morgen sehr früh aufstehen und hätten schon im Bett gelegen und ob ich überhaupt wüsste, wie weit es bis Ramsau wäre. Das würden sie jetzt auf keinen Fall mehr fahren. Ich bin bedient und gehe grußlos. Die Schmerzen werden immer schlimmer und noch liegt der ellenlange Hatscher durch das Klausbachtal vor mir. Ein Weg, der sich selbst in gutem Zustand noch gewaltig ziehen kann. Wie gerne würde ich einfach irgendwo meinen Biwaksack hinlegen und schlafen, aber spätestens am Morgen würde meine Mutter sicherlich die Bergwacht alarmieren. Also geht es weiter und dann um 23 Uhr sehe ich Lichter hinter mir. Ein Almbauer, der auf den Kallbrunnalmen war, fährt zurück nach Ramsau und kann mich mitnehmen. Ich bin zutiefst erleichtert und bedanke mich überschwänglich bei ihm. Um halb zwölf bin ich endlich wieder am Auto. Sieben Stunden habe ich für den Abstieg gebraucht und obwohl die Heimfahrt ebenfalls nicht gerade angenehm ist, bin ich einfach nur froh, nicht mehr laufen zu müssen. Es war dann doch keine Prellung, sondern ein Muskelfaserriss mit massiver Einblutung in den Oberschenkel und die Reparatur des Handys wird 200 Euro kosten.
















12. Juli 2021
Watzmann Ostwand - Kederbacher Weg

Nach dem fehlgeschlagenen Versuch im vergangen Jahr war die Randkluft in diesem Jahr zum Glück noch gerade so passierbar und wir konnten mit dem Kederbacher Weg, die wohl hochalpinste Route der Berchtesgadener Alpen klettern.
















10. Mai 2021
Kleine Hexen Nordwand Trilogie

Ideal für heiße Tage: Die Kleine Hexen Nordwand Trilogie.

Hierbei klettert man auf möglichst direktem Wege durch alle drei Nordwände der Schlafenden Hexe. Den geneigten Kletterer erwarten ungefähr 400 Klettermeter, die das ganze Spektrum des alpinen Baukastens zu bieten haben: Von fast senkrechtem Gras und ungemein brüchigen Schrofen bis hin zu wunderbar festem und griffigen Fels im unteren VII. Schwierigkeitsgrad. Dazu drei schöne, luftige Gipfel mit tollen Ausblicken über Bad Reichenhall, Salzburg und die Berchtesgadener Alpen. Da lediglich die Direkte Nordwand am Signalkopf und die sich als Abstiegsweg anbietende Berchtesgadener Rinne sanft saniert sind, sollte man auch beim Anblick von alten, rostigen Schlaghaken nicht gleich Schnappatmung bekommen, sondern vielmehr eine Expresse einhängen und anschließend frohen Mutes weiterklettern, bis sich irgendwann mal ein solider Klemmkeil setzen lässt oder der nächste rostige Normalhaken wartet.

Meine Zeiten vom vergangenen Montag; alles solo (10 Seillängen gesichert) und inkl. Pausen:

10:30 Großer Rotofenturm – Nordostkamin

14:00 Signalkopf – Direkte Nordwand

15:30 Kleiner Rotofenturm – Reichenhaller Rinne + Direkte Nordkante














28. April 2021
Alleingang in der Via Deife

Zerstören Bohrhaken das Abenteuer beim Klettern? Über diese Frage haben schon ganze Generationen von Kletterern und Alpinisten gestritten und auch in Zukunft wird das Thema immer wieder für Diskussionsstoff sorgen, ist das Sicherheitsbedürfnis doch bei jedem Menschen ganz individuell ausgeprägt. Ich persönlich finde es sehr schön, auch mal angstfrei in gut mit Bohrhaken abgesicherten Routen an der Leistungsgrenze klettern zu können. Ein richtiges Abenteuer erlebe ich aber hingegen nur in klassischen Routen, bei denen Orientierungssinn, Psyche und die physischen Fähigkeiten zu einer Gesamtanforderung verschmelzen, die es so in alpinen Sportkletterrouten einfach nicht gibt. Natürlich will man bei den Touren nicht umkommen, aber die potenzielle Gefahr ist ein ganz elementarer Bestandteil des Abenteuers.

Als ich Ende April nach vier Seillängen und drei Stunden aus der 145 Meter langen Via Deife ausgestiegen bin, habe ich dennoch ein kleines, begrenztes Abenteuer erlebt. Nur waren es diesmal nicht die fehlenden soliden Sicherungspunkte, sondern die fehlenden Informationen zur Route, war sie mir doch abgesehen von der finalen Schwierigkeitsbewertung absolut unbekannt. Außerdem war ich im gesicherten Alleingang unterwegs – einer Spielart des Kletterns, die ebenfalls alles etwas abenteuerlicher gestaltet, ist man doch ganz auf sich alleine gestellt. Die Unwägbarkeiten sind somit größer, der Spielraum für Fehler ist kleiner. Aber genau deshalb ist das Erlebte auch intensiver gefärbt und als ich am Ende alleine am Gipfel stand, war ich mit mir und der Welt um mich herum sehr im Reinen.












21. April 2021
Winterliche Sonntagshorn - Überschreitung

Das Sonntagshorn ist ein Berg von gespaltener Persönlichkeit. Während auf der Südseite sonnenbeschienene Grashänge einen einfachen Aufstieg ermöglichen und dem Berg seinen ursprünglichen Namen als „Sonnenhorn“ gaben, sind es steile Fels- und Schrofenflanken, von tiefen, dunklen Schluchten und wild zerrissenen Graten getrennt, die nach Norden hin abbrechen und dem Berg von dieser Seite aus sein hochalpines und unnahbares Antlitz verleihen. Während es selbst im Sommer nur wenige Aspiranten sind, die den Gipfel von Norden durch die wilden und langgezogenen Kraxenbachtäler in Angriff nehmen, so gibt es Winter, in denen monatelang kein Mensch seinen Weg in dieses Gebiet findet. Und wieder zeigt sich die gespaltene Persönlichkeit, gehört doch die Skitour vom Tiroler Heutal aus auf das Sonntagshorn zu den beliebtesten Skitouren in den gesamten Chiemgauer Alpen.

Schon länger wollte ich die Sonntagshorn-Überschreitung mal im Winter in Angriff nehmen. Ende April war es dann soweit. Der kalendarische Winter war zwar schon lange vorbei, doch regelmäßige Kaltluftabbrüche ab März sorgten auch noch im Frühling für tiefwinterliche Verhältnisse in den Hochlagen. Bis auf ca. 1.100 Metern Höhe kamen wir gut zu Fuß voran, dann wechselten wir auf die Skier und spurten über die hartgefrorene Schneedecke durch das beeindruckende Amphitheater des Großen Sands in Richtung Reifelbergscharte. Für das letzte Stück mussten wir die Skier wieder ausziehen und die Verhältnisse überraschten uns. Statt über kompakten Altschnee weiterstapfen zu können, mussten wir uns durch grundlosen, fast schon senkrechten Pulver nach oben wühlen und wir waren froh, als wir endlich die Scharte erreichten. Weiter ging es über den Westgrat, der sich mit seinen kurzen Steilaufschwüngen als sehr abwechslungsreich erwies.

Am Gipfel waren wir alleine, keine Skispur war zu sehen. Ein Umstand der in normalen Wintern völlig ausgeschlossen wäre, aber was ist schon normal in diesem zweiten Coronajahr mit seinen geschlossenen Grenzen und Reisebeschränkungen? Auch das Wetter war nicht mehr ganz so stabil, wie ursprünglich vorhergesagt, so dass wir bereits nach einer kurzen Pause mit dem Abstieg begannen. Das kurze Stück über den Ostgrat kletterten wir noch ab, dann schnallten wir die Skier an – und mussten feststellen, dass der erste Hang äußerst lawinengefährdet ist. Wir überlegten lange, dann versuchten wir unser Glück in einem kleinen Bereich, der unserer Meinung nach ein vertretbares Risiko aufwies. Dennoch waren wir froh, als wir den steilen, oberen Teil des Hinteren Kraxenbachkares hinter uns hatten. Der Rest der Abfahrt war reiner Genuss auf perfektem Firn, bevor der lange Hatscher zurück zu den Schwarzachenalmen auf uns wartete.












30. November 2020
Kombinierte Rennrad-Packraft-Tour auf der Alz

Nach einer Woche Dauernebel im Alpenvorland zeigt sich am letzten Novembertag der Spätherbst noch einmal von seiner schönsten Seite. Bei zugegebenermaßen doch sehr frischen -3° Celsius radel ich mit dem Rennrad nach Seebruck. Im ungewöhnlich großen, dafür aber zum Glück sehr leichten Rucksack habe ich ein dreiteiliges Paddel und mein aufblasbares Packraft verstaut, das ich nun am Fluss schnell aufblase. Mit ein paar Spannriemen binde ich das Rennrad auf der Bootsfront fest und schon kann ich in See stechen. So spät im Jahr bin ich völlig alleine unterwegs und die 6 Kilometer nach Truchtlaching gestalten sich zu einem völlig entspannten dahinschippern unter einem strahlend blauen Himmel. Lediglich die ein oder andere aufgeschreckte Gans unterbricht die Stille. In Truchtlaching steige ich aus, baue das Rad wieder zusammen und verstaue das Boot im Rucksack und eine gute Stunde später bin ich bereits wieder in Siegsdorf. Alles in allem eine wirklich schöne kombinierte Tour und das völlig autofrei.












18. November 2020
Die Gelbe Mauer am Untersberg

Da der Winter auch in diesem Jahr auf sich warten lässt, geht es Mitte November noch einmal an den Untersberg. Er ist und bleibt halt einfach das perfekte Klettergebiet für den Beginn der kurzen Tage. Steht man am Scheibenkaser und schaut zum Berchtesgadener Hochthron hinauf, fällt einem zwischen Alter Südwand und Schimkepfeiler ein markanter, gelber Wandbereich auf - überhängend, ohne ersichtliche Struktur und oben von einer großen Höhle überdacht.

Diese abweisende Wand berührte als erste Route die sogenannte Gelbe Mauer. Am 7. Juli 1940 gelang den beiden Salzburger Kletterern Franz Palaoro und Franz Spitzburger die Durchsteigung. Schon seit geraumer Zeit hat mich die Linie fasziniert, dennoch bin ich etwas angespannt, als ich schließlich zusammen mit Sepp auf einem kleinen Absatz unter der Südwand in meinen Klettergurt wechsele. Ein Stück können wir noch über Schrofen seilfrei klettern, dann mache ich Stand und er klettert über eine Platte bis zum Beginn der markanten Verschneidungsrampe, die schließlich in die Höhle führt. Direkt über dem Stand befindet sich gleich die Schlüsselstelle der Tour, ein gutgriffiger, aber sehr steiler Überhang, der entweder frei (inzwischen mit VII+ bewertet) oder technisch (V+/A1) an vier alten Haken überwunden werden kann. Die Stelle ist zwar gar nicht so schwer, wie sie anfangs aussieht, aber irgendwie fehlt mir dann doch der Schneid, an den alten Haken einfach durchzuziehen und so klettere ich zwar frei, aber teilweise pausierend und vor allem viel Kraft vergeudend nach oben. Die folgende Rampe ist deutlich leichter, dann folgt ein zweiter kurzer, abdrängender Überhang und man steht in der großen, schuttrigen Höhle, in der man an einem mächtigen Block Stand machen kann. Da sich Sepp nicht ganz so gut fühlt, führe ich auch die nächste Seillänge. Man quert kurz die Höhle, späht ins Wandbuch (eine Seilschaft 2018, keine 2019 und inklusive uns zwei 2020) und quert dann unglaublich ausgesetzt weiter, teilweise leicht absteigend, aber an Normalhaken gut gesichert bis zum nächsten Stand. Die Kletterei ist zwar nicht schwer, aber durch die Ausgesetztheit wahnsinnig beeindruckend. Es ist als balanciere man an einem Brückengeländer entlang und ich freue mich über die zwei soliden Bohrhaken an diesem Stand. Da fühlt man sich doch etwas sicherer, als hier frei an rostigen Schlaghaken zu hängen. Es folgt nun ein anfangs noch sehr steiles Rampen- und Verschneidungssystem, das uns nach zweieinhalb schönen Seillängen in den oberen Teil des Schimkepfeilers führt. Der Ausstieg darüber ist das Sahnehäubchen der Tour und wir erreichen schließlich glücklich und zufrieden den Gipfel des Berchtesgadener Hochthrons.








09. November 2020
Solo durch die Gerstfeld Südwand

Die Südwand des Hohen Gerstfelds ist eine der höchsten Wände der Reiteralm. 650 Meter erhebt sich dieser Koloss aus Fels, Gras und Geröll über der Halsgrube gen Himmel. Etwas weiter rechts gibt es eine markante Platte, die sogenannte Gerstfeldplatte, durch die zwei beliebte Plaisirtouren führen. Der zentrale Wandteil ist aber weiterhin ein ruhiges Gebiet für gestandene Alpinisten. Vor allem der Gerstfeldpfeiler ist aufgrund seiner Länge und den Schwierigkeiten bis VII/A1 eines der großen Unternehmen der Berchtesgadener Alpen. Die alte Südwand von 1919 soll der leichteste Anstieg durch diese große Wand sein. Allerdings ist die Beschreibung im Alpenvereinsführer so vage (erst links der Schlucht hoch, dann die Schlucht queren und über Kamine zum Ausstieg), das viel Interpretationsspielraum bleibt. Den unteren Teil habe ich bereits vergangenes Jahr zusammen mit Rebecca durchstiegen, doch dann sind wir zu weit nach links gekommen und eher über eine Art Südwestwand auf den Gipfel gelangt.

Da es bereits Mitte November ist und die Tage doch schon etwas an Länge eingebüst haben, breche ich bereits um 5 Uhr am Hintersee auf und merke dann, dass ich auch noch meine Stirnlampe vergessen habe, weshalb es mit der Handytaschenlampe zum Einstieg geht. Da ich die Rampe im unteren Wandteil bereits kenne, geht es schnell voran. Oberhalb der markanten Schlucht betrete ich Neuland und quere über eine abschüssige Schrofenterrasse nach rechts. Am Ende wird die Terasse sehr schmal und ausgesetzt und mündet in einen Kamin. Da der Weiterweg durch den Kamin von einem Überhang versperrt ist, sichere ich mich und klettere nach rechts auf eine steile Schrofenrampe, die nach 60 Metern auf einen Latschenabsatz mündet. Auf der Rampe stoße ich sogar auf zwei alte Haken - ich scheine also richtig zu sein. Von dem Absatz aus kann ich problemlos nach rechts in die Route der Südkamine (V) queren, die hier als unschwierige Schlucht nach oben zieht. Ein kurzes Stück weiter oben gabelt sich die Schlucht und man hat die Qual der Wahl: Links geht es auf einen weiteren Latschenabsatz. Rechts kann man der Hauptschlucht folgen, die sich allerdings wieder aufsteilt und schließlich von einem Block versperrt wird. Da mir der Weiterweg nach rechts dennoch logischer erscheint, folge ich der Schlucht und erreiche unter dem Block überraschenderweise sogar einen Bohrhakenstand und ein Wandbuch. Neben den Südkaminen kreuzt hier noch die mit 21 Seillängen eine geradezu epische Länge erreichende Geierwally von Arne Eckenberger, was auch die Bohrhaken erklärt. Laut dem vierzig Jahre alten Wandbuch werden beide Routen allerdings nur äußerst selten begangen und von der Südwand findet sich überhaupt kein Eintrag. Die folgenden 20 Meter sind noch einmal recht schwer, aber wirklich schön zu klettern. Lediglich beim Ausstieg unter dem Block nervt der Rucksack dann doch gewaltig, allerdings kann ich mir kaum noch vorstellen, dass die Erstbegeher auch hier lang sind - eine glatte IV ist das auf jeden Fall nicht mehr. Also wäre es unten wohl doch nach links gegangen. Egal. Auf jeden Fall habe ich die größten Schwierigkeiten hinter mir! Das Gelände ist nun gestuft und auch wenn es aufgrund der Größe etwas unübersichtlich ist, ist die Richtung klar: Einfach irgendwie nach oben. Dennoch zieht sich der oberste Teil noch einmal gewaltig und ich erreiche schließlich am frühen Nachmittag recht ausgedörrt den Gipfel. Manchmal ist es wirklich schön als einsamer Pfadfinder in so einer großen Wand unterwegs zu sein.












07. November 2020
Berchtesgadener Hochthron - Hinterstoißer/Kurz

Anderl Hinterstoisser und Toni Kurz gehörten in den 30er Jahren zu den besten Kletterern Deutschlands. Beide waren bei den Gebirgsjägern in Bad Reichenhall stationiert und kletterten ab 1934 einige der zu dieser Zeit schwersten Routen der Berchtesgadener Alpen - Routen, die wie die Wartsteinkante oder die Direkte Südkante am Großen Mühlsturzhorn auch heute noch zu den ganz großen Klassikern gehören.

Ihre erste gemeinsame Neutour, die Südwestwand am Berchtesgadener Hochthron eignet sich aufgrund der Ausrichtung und der niedrigen Höhe für den Herbst und so haben Moritz und ich an diesem Novembersamstag perfekte Bedingungen. Die ersten zwei Seillängen werden heute meist über die Route Untersbergmanndl geklettert. Wir entscheiden uns aber für den Originaleinstieg, der etwas weiter links liegt und nach einer leichten Seillänge eine erste knackige Quergangsseillänge aufweist. In der gehobenen Schwierigkeit muss ich mich erst einmal an die alten Haken gewöhnen, doch zwei Friends geben die nötige zusätzliche Sicherheit auf dem Weg durch den gelben Fels. Die darauffolgende Seillänge führt zwar steil aber sehr griffig eine Etage höher, bevor der nächste Quergang auf dem Programm steht. Mit drei Bohrhaken abgesichert, erweißt sich diese Seillänge aber fast schon als Genußklettern. Es folgt noch eine lange Seillänge im sechsten Grad mit wunderschönen Platten und einer interessanten Rampe, bevor das Gelände leichter wird und wir rasch die Hochfläche erreichen. Beim Abstieg durch das Mittagsloch geht gerade die Sonne hinter den Gipfeln des Hochkaltermassivs unter. Wir blicken zurück auf die vom letzten Licht des Tages orange schimmernden Wände und ziehen unseren nicht vorhandenen Hut vor der Leistung der zwei Berchtesgadener Pioniere. Sich mit der damaligen Ausrüstung in diese steile Wand zu wagen, bedarf einer ordentlichen Portion Selbstvertrauen und Mut.












13. Oktober 2020
Quäldich Kalender 2021

Der neue Quäldich Rennradkalender ist trotz des Corona-Lockdowns im Frühjahr auch dieses Jahr pünktlich fertig geworden. Zum ersten Mal habe ich nicht nur die Tourenkarten gestaltet, sondern auch selbst ein paar Fotos eingereicht und es freut mich sehr, dass es eines der Fotos in die aktuelle Ausgabe als März-Bild geschafft hat. Aufgenommen wurde es Ende März auf der Straße zwischen Inzell und dem Brenner-Hof.

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07. August 2020
Watzmannkinder-Überschreitung

Bereits im Juni stand ich schon einmal im Watzmannkar, musste dann aber auf den Südwestgrat zum Kleinen Watzmann ausweichen, da in den Wänden und Flanken der Watzmannkinder doch noch einiges an Schnee lag. Wie richtig diese Entscheidung war, merkte ich spätestens, als ein großes Schneebrett vom Plattenband der Watzmannjungfrau donnernd in die Tiefe rauschte.

Nun ist es August und die Bedingungen passen. Über die traurigen Reste des einstigen Watzmanngletschers steige ich zur Scharte zwischen 5. Watzmannkind und der Mittelspitze empor. Von hier aus habe ich zum ersten Mal einen Blick in die gewaltigen Abbrüche der Südwände, die sich schließlich in wilden Gräben und Schrofen oberhalb der Eiskapelle verlieren. Auf den ersten Metern zum 5. Kind muss ich mich kurz an die Ausgesetztheit gewöhnen, dann wird das Klettern flüssiger und ich erreiche schnell den unscheinbaren Gipfel. Wie bei allen Watzmannkindern ist die Ostflanke deutlich leichter und ich steige ohne Schwierigkeiten hinab in die Scharte zur Jungfrau. Steil, nein sehr steil erhebt sich deren Westwand darüber. Ich bin ehrlich beeindruckt und mir ist nicht ganz klar, wo hier ein leichter Weg durchführen soll. Doch mit jedem Meter hinab zur Scharte lehnt sich die Wand etwas zurück und als ich schließlich direkt unter ihr stehe, sieht es bei weitem nicht mehr so schlimm aus. Schuttriger, aber dennoch gut gangbarer Fels bringt mich rasch durch den unteresten Teil. Danach gilt es zwei kurze Überhänge zu überwinden, die man an soliden Normalhaken auch problemlos sichern könnte. Ich klettere noch etwas höher und erreiche schließlich einen alten Stand. Die nächste Stufe sieht sehr steil aus und ich entschließe mich die 20 Meter (IV+) zu sichern. Von hier aus könnte man auch direkt an die Kante (IV-) wechseln - beeindruckende Ausgesetztheit inklusive. Oberhalb der Stufe wird das Gelände schon wieder einfacher und ich erreiche den relativ exponierten Gipfel. Es gibt zwar eine Abseilstelle direkt in die Scharte zum 3. Watzmannkind. Wenn man allerdings (wie ich) nicht weiß, wie lang die Abseilstelle ist, sollte man besser über den Normalweg absteigen. Anfangs ein kurzes Stück am Grat nach Norden kletternd, geht es bald hinab auf das große Plattenband, dem man so lange folgt, bis es sich im gestuften Fels verliert, über den man problemlos zum Wandfuß absteigen kann. Nun folgt Gehgelände zum 3. Watzmannkind, diesem mit seiner seltsam anmutenden, geneigten Riesenplatte sich nur wenig abhebenden Knubbel. Aufgrund seiner unschwierigen Besteigung ist es dennoch das Meistbesuchte der Watzmannkinder. Die Westflanke zum 2. Watzmannkind bietet wieder mit schön gestuftem Fels und einer tollen Plattenstelle im obersten Teil Genußkletterei. Fehlt noch das Letzte der Watzmannkinder. Die Westwand des 1. Kindes erhebt sich noch einmal deutlich steiler aus der Scharte und eine steile Platte verlangt kurzzeitig etwas Kraft. Es folgen gestufte Schrofen, bevor ein kurzer, senkrechter Kamin den Weg zum Gipfel versperrt (IV-). Auch hier muss ich noch ein oder zweimal kräftig zupacken, dann erreiche ich den Gipfel des 1. Watzmannkindes. Tief unter mir liegt der Königssee eingezwängt zwischen den steil abfallenden Wänden des Hagengebirges und des Steinernen Meeres. Ich verspeise meinen obligatorischen Tourenapfel und steige anschließend über kurze Wandstufen in die Watzmannscharte ab. Da noch etwas Zeit ist, entschließe ich mich, auch den Kleinen Watzmann über seine Südwand mitzunehmen. Steiler werdende Schrofen bringen mich zum Beginn des markanten Kriechbands, über das ich mich nun robbend nach oben arbeite. Der Rest des Anstiegs ist einfach und über Grasabsätze und leichte Schrofen erreiche ich schließlich den letzten Gipfel des Tages.










28. Juli 2020
Kederbacherweg mit Rückzug

Seit fünf Jahren klettere ich nun bereits in den Berchtesgadener Alpen und doch habe ich noch nie einen Fuß in die berühmteste Wand des Gebirgsstocks, ja vermutlich sogar die berühmteste Wand der gesamten Bayerischen Alpen gesetzt. Die Watzmann Ostwand ist wahrlich eine Wand der Superlative. Nicht besonders schwer aber hoch und wenn man das erste Mal zur Eiskapelle läuft, am Ende aus dem Wald tritt und sich dieses Meer aus Schrofen, Fels und Eis über einem erhebt, ist man unweigerlich erst einmal gehörig beeindruckt. Zusammen mit Sebastian will ich den klassischen Durchstieg, den Kederbacherweg, begehen. Es ist der Weg der Erstdurchsteiger von 1881 und zwei große Firnfelder, die Eiskapelle und das Schöllhorneis, machen den Durchstieg zu einem hochalpinen Gesamterlebnis. Doch genau darin liegt auch die Krux, denn bei schlechten Bedingungen kann das Unternehmen an den jeweiligen Randklüften zu Ende sein. Es ist zwar bereits Ende Juli, doch lange Hitzeperioden gab es dieses Jahr bisher keine, so dass wir immer noch auf gute Bedingungen hoffen können. Doch bereits die Randkluft der Eiskapelle erweist sich als sehr weit abgeschmolzen. Ein einfaches Hinüberspringen ist unmöglich und so müssen wir, von einer Eisschraube gesichert, einen ca. vier Meter hohen Eispfeiler abklettern, um an den gegenüberliegenden Fels zu gelangen. Das folgende Stück zur ersten Grasterasse sieht schlimm aus und erweist sich als genauso schlimm, wie es aussieht. Über extrem bröselige und von feinem Schutt bedeckte Platten eiern wir nach oben Auch die Stelle zur Überwindung der nächsten Wandstufe ist schnell ausgemacht und nach einer Rinne folgt eine ausgesetzte Querung (III), über die wir schließlich die zweite Terasse erreichen. Nun geht es über leichte Schrofen gerade empor zum Schöllhorneis. Am unteren Ende des Firnfelds, das eingezwängt zwischen dem steilen Pfeiler des Salzburger Wegs und den senkrecht abbrechenden Südwänden der Watzmannkinder ein Schattendasein fristet, ziehen wir unsere Grödel an, holen die Eispickel aus dem Rucksack und stapfen nach oben. Irgendwie haben wir schon kein gutes Gefühl und schließlich bewartet es sich. Die Randkluft ist unüberwindbar. Vier, fünf Meter vom gegenüberliegenden Fels entfernt und sicherlich zwanzig Meter tief, baut sich der Spalt vor uns auf, bevor er unter dem Eis in der Dunkelheit verschwindet. Keine Schneebrücke ermöglicht einen Übergang. Etwas weiter oben hängt noch ein Schneepilz an der Wand. Wenn dieser bereits abgebrochen wäre, hätte er vermutlich die Spalte gefüllt und einen Übergang ermöglicht, doch wir haben scheinbar genau die falsche Zeit erwischt: Die Randkluft ist bereits zu weit abgeschmolzen, der Schneepilz aber noch nicht kollabiert.

Da wir nur ein kurzes Seil mit uns führen, zu kurz für den Salzburger Weg und wir uns über den Verlauf der Diagonalquerung zum Münchner Weg nicht ganz einig sind, treten wir am Ende etwas geknickt den Rückzug an. Als wir in Sankt Bartholomä abfahren, herrscht noch schönstes Wetter und strahlend blauer Himmel über der Ostwand. Keine 30 Minuten später geht die Welt unter und sinnflutartige Regenfälle ergießen sich über die Alpenstraße, über die wir nun in Schrittgeschwindigkeit nach Inzell zurückfahren. Und ich bin doch ganz froh, jetzt nicht am Watzmann unterwegs zu sein.










25. Februar 2020
Winterbesteigung Eislhörnl

Völlig unscheinbar und abgelegen reckt sich das Eislhörnl in einem kleinen Seitental des Sittersbachtals gen Himmel. Wohlgemerkt auf der rechten Seite des Sittersbachtals. Man muss dazu wissen, dass das Tal in der Mitte durch einen tiefen Graben geteilt wird und ein erster Versuch einer Besteigung im Januar vereitelt wurde, weil mich die Latschen auf die falsche Seite leiteten.

Im Februar startete ich dann einen zweiten Versuch und kämpfte mich durch extrem weichen Schnee nach oben. Gegen Mittag erreichte ich schließlich den Wandfuß der Westwand. Links einer kleinen Rinne stieg ich in die Felsen ein und kletterte über kombiniertes Gelände empor, bis ich nach rechts auf ein breites Schneeband queren konnte, das schließlich zu einer Nische leitete. Oberhalb der Nische führte eine steile Rampe nach rechts zum Grat und bot schöne Kletterei (M3). Die letzten Meter zum Grat waren sehr brüchig und vor allem nach Osten stark ausgesetzt. Ich rastete kurz auf dem schmalen Gipfel, kletterte den Grat zurück und seilte mich zu der Nische ab. Danach kletterte ich über vereiste Rinnen und Schneeabsätze gerade nach Westen ab und erreichte am frühen Nachmittag wieder wohlbehalten das Kar.












22. Januar 2020
Winterbegehung Gurnwandkopf - Nordostkante

Rechts der Hörndlwand, des neben der Kampenwand traditionsreichsten Klettergebiets der Chiemgauer Alpen, bricht der Gurnwandkopf ebenfalls mit einer hundert bis hundertfünfzig Meter hohen Wandflucht nach Norden zum Röthelmoos hin ab. Im Gegensatz zur Hörndlwand wo inzwischen einige Touren saniert wurden, sind die Routen hier noch in ihrem Originalzustand und werden so gut wie nicht mehr beklettert. An einem kalten, aber trockenen Tag im Januar breche ich in Urschlau auf, um einer dieser Routen, der klassischen Nordostkante, eine Winterbegehung abzuringen. Schwer vorstellbar, dass jemand bei dieser unbedeutenden Tour schon mal entsprechende Mühen auf sich genommen hat. Über teilweise grundlosen Pulverschnee kämpfe ich mich zum Einstieg auf einem eingeklemmten Block empor. Die erste Seillänge klettere ich noch ungesichert über schrofigen, schneebedeckten Fels, dann sichere ich mich an einer Latsche und nehme die erste steile Wandstufe in Angriff. Der plattige Fels bietet den Steigeisen wenig Halt, langsam schiebe ich mich nach oben, suche mit dem Eisgerät halt in einem kleinen Riss, doch plötzlich rutsche ich weg und hänge auch schon drei Meter weiter unten im Seil. Ein Friend wurde ausgerissen, aber der kleine BD 3er Klemmkeil hat glücklicherweise gehalten. Ich sammle mich kurz, dann starte ich den zweiten Versuch und diesmal klappt es. Nach der Stufe folgt eine längere links-rechts Querung, dann stehe ich unter dem zweiten steilen Aufschwung (IV), der schließlich immer flacher werdend zum Vorgipfel führt. Der Fels ist weitestgehend schneefrei und ich lasse die Eisgeräte am Stand, dann steige ich vorsichtig in die Passage ein. Die Absicherung, die nur aus zwei uralten Schlaghaken besteht, kann durch zwei Klemmkeile leitlich ergänzt werden, einen weiteren Sturz möchte ich aber nicht riskieren, weshalb ich mich langsam und vorsichtig nach oben arbeite. Als ich endlich einen dicken Latschenast erreiche, lege ich eine Schlinge und ein großer Teil der Anspannung fällt von mir ab. Die flacher werdende Kante bietet jetzt keine besondere Schwierigkeiten mehr und ich erreiche schließlich im letzten Licht der untergehenden Sonne den Vorgipfel. Ich pausiere kurz, dann stelle ich mich dem unausweichlichen Latschenkampf zum Hauptgipfel und steige im Schein meiner Stirnlampe zufrieden über das kleine, bestandene Abenteuer zurück nach Urschlau ab.










17. Januar 2020
Winterbegehung Wagendrischelhorn - Zellerweg

Es gibt nicht viele Kletterer, die auch im Winter an den Felswänden der Bayerischen Alpen unterwegs sind. Einer von ihnen ist der Sepp, mit dem ich an diesem Januartag nach Obermayrberg fahre. Da bisher nur wenig Schnee gefallen ist, haben wir die Räder dabei, doch leider ist die Forststraße so vereist, dass wir bereits nach 20 Minuten aufgeben und lieber zu Fuß weitergehen. Bis zur Jagdhütte kommen wir gut voran, dann wird der Schnee sehr tief und das Spuren äußerst anstrengend, so dass wir uns dazu entscheiden, durch eine Rinne direkt zum Einstieg zu stapfen, anstatt den Umweg über den Hochgscheidsattel zu nehmen. Kurz vor dem eigentlichen Einstieg wird das Gelände deutlich steiler und der Schnee ist so hart gefroren, dass ich auf Steigeisen wechsel und den Pickel aus dem Rucksack hole. Sepp stapft natürlich noch ohne Steigeisen weiter. Anfangs geht es eine kombinierte Rampe empor, es folgen zwei sehr ausgesetzte Ecken, dann erreichen wir die große Höhle in der Wandmitte. Ein neues Wandbuch habe ich umsonst mitgenommen. Es liegt dann doch so viel Schnee, dass ich die Kassette nicht finde. Gleich nach der Höhle folgt die Schlüsselstelle - eine steile Stufe, die bald wieder in eine flachere Rampe übergeht. Wir klettern etwas weiter links als im Sommer, spreizen kurz eine kaminartige Rinne höher und erreichen dann die Schneerampe, die in angenehmer Steigung nach oben in ein kleines Kar zieht. Es folgt eine ausgesetzte Querung, die wir kurz sichern, dann erreichen wir ein weiteres Kar und die Ausstiegsrinne über die wir in toller kombinierter Kletterei den Verbindungsgrat zwischen Häusel- und Wagendrischelhorn erreichen. Die anstrengende Stapfarbeit zum Gipfel lässt sich leider nicht umgehen, dann haben wir es aber geschafft und können das tolle Panorama über die Reiteralm und die Loferer Steinberge genießen. Zurück geht es über die steile Mayrbergscharte, die wie die vereiste Forststraße noch einmal volleKonzentration fordert.














15. Oktober 2019
Grundübelkante - Berchtesgadener Klassiker

Die Grundübelkante ist gemeinsam mit der Direkten Westwand am Kleinen Watzmann und dem Großen Trichter in der Göll Westwand einer der großen Klassiker im mittleren Schwierigkeitsbereich der Berchtesgadener Alpen. Inzwischen sind die Stände mit soliden Bühlerhaken ausgestattet und dennoch ist man heutzutage selbst an schönen Herbstwochenenden meist alleine in der Route unterwegs - im Gegensatz zu den 80er und 90er Jahren - die Geschmäcker haben sich seitdem dann doch gehörig geändert und die Kletterer fahren im Herbst lieber nach Arco, um in den gut gesicherten Genußrouten am Colodri Schlange zu stehen. Nach zwei Stunden Zustieg stehe ich mit Josef am Einstieg der beeindruckenden Kante. Seillänge für Seillänge klettern wir über wunderbaren Fels nach oben. Die Schwierigkeiten sind homogen, pro Seillängen stecken meist ein oder zwei Normalhaken, die sich bei Bedarf aber perfekt durch Friends ergänzen lassen. Vor allem die Rissen im oberen Teil des 1. Pfeilerabsatzes bieten wunderschöne Kletterei. Schließlich erreichen wir das Ende der Route, aber noch lange nicht das Ende der Tour. Es folgt erst einmal eine lange Kletterei im II. und III. Grad bis zum eigentlichen Gipfel des Großen Grundübelhorns, eine kurze Gipfelpause mit einem Apfel und anschließend der lange Abstieg über die Barthrinne (III-) und den Totensteig zurück nach Hintersee. Alles in allem ein großartiges alpines Unternehmen, für das man aber durchaus 12 - 14 Stunden einplanen darf.












22. September 2019
Reiteralm Hauptkamm-Überschreitung

Im Jahr 1900 brach Georg Leuchs zu einer besonderen Tour auf und überschritt den gesamten Reiteralm-Hauptkamm vom Häuselhorn bis zum Knittelhorn. 15 bis 20 Stunden sind für den Gewaltmarsch durch eine der ursprünglichsten Gebiete der Berchtesgadener Alpen zu veranschlagen. Ende September brechen Rebecca und ich nach einem entspannten Frühstück auf der Traunsteiner Hütte auf, um auf Leuchs Spuren zu wandeln und einfach mal zu schauen, wie weit wir kommen. Anfangs durch märchenhaften Bergwald, dann durch wild zerklüftetes Karstgelände führt uns der normale Wanderweg ohne Probleme auf das Große Häuselhorn. Hier verlassen wir die ausgetretenen Pfade und klettern über den stellenweise ausgesetzten Südostgrat in die Scharte zwischen Häusel- und Wagendrischelhorn hinab. Der gegenseitige Anstieg ist wieder leichter und wir erreichen den 2. Gipfel des Tages mit einer kurzen Riegelpause. Über die Südostflanke, durch die ein schöner, leichter Klettersteig führt, klettern wir zur Mayrbergscharte ab, bevor wir jenseitig über den unschwierigen Normalweg auf das Stadelhorn, den höchsten Berg der Reiteralm steigen. Nun wartet wilderes Gelände auf uns. In schöner, leichter Kletterei balancieren wir über den Verbindungsgrat zum Großen Mühlsturzhorn und klettern über dessen kurzen Nordostgrat (III) mit einer Abseilstelle ins oberste Wagendrischelkar ab. Wild zerklüftet präsentiert sich das Kar und es ist nicht immer einfach, den leichtesten Weg durch die scharfkantigen Karstplatten hindurch zu finden. Auf keinen Fall darf man sich zu weit nach rechts wagen, denn dort wartet eine immer steiler werdende Flanke, die schließlich senkrecht in einen tiefen Spalt abbricht und jede direkte Verbindung zur Mühlsturzscharte abschneidet. Direkt an der Scharte erhebt sich steil die wilde Westwand zum Kleinen Mühlsturzhorn und vor allem die wie mit einem Messer abgeschnittene, völlig strukturlos erscheinende Südwestwand macht einen großen Eindruck auf uns. Wir halten uns links davon, suchen anfangs noch den leichtesten Weg und klettern dann direkt über die Nordwestkante (IV) in zwei Seillängen zum kleinen Gipfelkreuz. Trotz des massiven Bergsturzes vor 20 Jahren bekommt der Gipfel ein paar Mal im Jahr Besuch – das man sich die Gipfelruhe mit weiteren Bergsteigern teilen muss, dürfte dennoch so gut wie nie vorkommen. Der Ostgrat, über den wir anschließend zur Grundübelscharte abklettern ist zwar leichter, aber dafür bedeutend länger und schrofiger. Schließlich erreichen wir aber die wild zerklüfteten Türme der Scharte. Würde man die komplette Überschreitung gehen wollen, hätte man jetzt noch den Westgrat auf den Grundübelturm, die anschließende Überschreitung der Grundübelhörner und den Abstieg über die Nordkante des Knittelhorns vor sich. Ein Unterfangen, das gut und gerne noch einmal vier bis fünf Stunden dauern kann. Da es aber bereits fünf Uhr ist, schenken wir uns die drei Hörner und steigen über den abenteuerlichen Totensteig mit seinen verfallenen Leitern zum Böselsteig ab, über den wir schließlich zurück zum Hintersee gelangen.


















15. August 2019
Neuerscheinung "Der Fels im Griff"

In sehr angenehmer Zusammenarbeit mit dem Riva-Verlag habe ich dieses Frühjahr das Klettertagebuch "Den Fels im Griff" gestaltet, das nun veröffentlicht wird. Neben mehr als 140 Seiten, in die man seine Klettertouren eintragen kann, enthält es einen Zusatzteil mit den wichtigsten Informationen rund um das Klettern und Bergsteigen wie beispielweise die bedeutensten Klettergebiete im deutschprachigen Raum, die gängigen Schwierigkeitsskalen, das richtige Verhalten am Fels und im Gebirge und eine Erklärung der wichtigsten Begehungsstile.

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01. Dezember 2018
Hochkalter - Winterüberschreitung

Es gibt Momente, da hat man einfach das Bedürfnis etwas Anspruchsvolles zu tun und an der persönlichen Grenze zu kratzen. Ende November ist der nicht enden wollende Herbst doch noch zu Ende gegangen, der erste Schnee ist auch in den Tälern gefallen und die nächste Operation an meinem lädierten Mittelfinger steht in einer guten Woche an. Der perfekte Zeitpunkt um nochmal eine größere Tour zu starten.

Um 2 Uhr klingelt der Wecker. Verschlafen schaffe ich es, mich zehn Minuten später aus dem Bett zu rollen und ins Bad zu stolpern. Schnell Zähne putzen, Anziehen und Tee kochen. Dann schnappe ich mir den Rucksack und schon sitze ich im Auto auf dem Weg zum Hintersee. Die Luft ist kalt und frisch, als ich mit dem Aufstieg zur Blaueishütte beginne. Anfangs folge ich noch ein paar Fußspuren vom Vortag, doch schon nach wenigen Minuten hören sie wieder auf und ich ziehe meine eigene Spur durch den glitzernden Pulverschnee. Vor allem im Wald komme ich anfangs problemlos vorwärts. Viel hat es bisher nicht geschneit und noch weniger ist davon durch das dichte Blätterdach gedrungen. Nach einer Stunde erreiche ich die Schärtenalm auf 1.360 Metern Höhe und zum ersten Mal öffnet sich der Wald etwas. Ab hier wird auch der Schnee deutlich tiefer und das Spuren fällt immer schwerer. Schon bald fange ich an zu schwitzen, obwohl die dicke Winterjacke noch im Rucksack liegt und ich nur die dünne Windjacke anhabe. Als der Wald endlich den Latschen weicht, sehe ich wenige Meter oberhalb die Umrisse der Blaueishütte, die sich deutlich vom sternenklaren Nachthimmel abzeichnen.

An der Hütte mache ich eine kurze Pause, esse einen Riegel und lausche der Stille der Nacht. Vor mir liegt der große Kessel unterhalb des Blaueisgletschers. Einst der nördlichste Gletscher der Alpen und einer der wenigen Gletscher überhaupt in Deutschland ist er in den letzten Jahren soweit abgeschmolzen, dass er den Zusatz „Gletscher“ leider kaum noch verdient hat. Links davon erhebt sich die markante Gestalt der Schärtenspitze mit ihrer abweisenden, senkrechten Nordwand, doch mein Weg führt mich auf die gegenüberliegende Seite zu der weit emporziehenden Schotterfläche zwischen Rotpalfen und Schärtenwand. Anfangs ist der Pfad noch problemlos zu erkennen, doch auf der großen Schotterfläche suche ich mir bald darauf meinen eigenen Weg. Es ist bereits 7 Uhr, aber immer noch stockdunkel. Noch nicht mal ein heller Schein ist im Osten zu erkennen und ich beginne mich langsam zu fragen, ob die Sonne heute überhaupt noch aufgeht.

Eine halbe Stunde später beginnt es dann doch noch zu dämmern und der Himmel im Osten nimmt ein immer intensiver werdendes Rot an. Kurz darauf erreiche ich die erste Schlüsselstelle, eine circa 80 Meter hohe Platte unterhalb des Schönen Flecks. Hinter einem großen Findling mache ich halt, ziehe die Steigeisen an und hole ein Eisgerät aus dem Rucksack. Beim Losklettern merke ich schnell, dass die Bedingungen alles andere als optimal sind. Viel Schnee liegt zwar nicht, aber doch genug, um den Fels komplett unter fünfzehn Zentimeter fluffigstem Pulverschnee zu verstecken, so dass ich ihn jeweils erst einmal freiwühlen muss. Die Steigeisen kratzen auf den glatten Felsplatten, aber die Griffe sind gut, weshalb ich vorsichtig höhersteige und schließlich den Kamm erreiche.

Sogleich stehe ich in der gleißenden Morgensonne und genieße den Ausblick auf die Südabstürze der Reiteralm. Über den breiten Kamm und mehrere kurze Kletterstellen komme ich zur zweiten Schlüsselstelle: Eine fünfzehn Meter hohe, steile Wandstufe. Ich hole das Seil aus dem Rucksack und richte an einem alten Schlaghaken am Wandfuß einen provisorischen Stand ein, dann klettere ich einen senkrechten Riss empor. In der Mitte des Risses kann ich einen Friend legen, richtig vertrauenserweckend ist die Sicherung aber nicht, weshalb ich noch einen Haken schlage. Mit einem Eisgerät finde ich in einem schmalen Riss guten Halt, mit der rechten Hand umklammere ich eine große Felsnase. Dann ziehe ich mich hoch und wenige Augenblicke später stehe ich auf einer schmalen Leiste, auf der ich nach links zu einem glänzenden Ringhaken balanciere. Nachdem ich mich wieder abgeseilt habe, um das Seil am unteren Stand loszubinden und meine Ausrüstung holen zu können, ist es bereits 10 Uhr. Kurz überlege ich, ob ich mir den Anstieg zum Rotpalfen einfach sparen soll, aber wenn dann will ich die Überschreitung auch vollständig absolvieren und so steige ich die wenigen Meter zu dem unscheinbaren Gipfel empor.

Zum ersten Mal sehe ich einen großen Teil des Weges, der noch vor mir liegt und das ist alles andere als ermutigend. Der Kamm verschmälert sich deutlich und verläuft das erste Stück fast eben, bevor er sich über einige Erhebungen zum Kleinkalter aufschwingt. Die Bedingungen sind sehr unangenehm. Die fünfzehn Zentimeter Pulver sind zu wenig zum Stapfen aber doch so viel, dass die glatten, rutschigen Felsplatten verdeckt unter dem Schnee liegen und ein Abrutschen hätte hier sicherlich fatale Folgen, denn rechterhand fällt die Westflanke steil gen Kaltergraben ab und im Osten geht es mehrere hundert Meter fast senkrecht bis zum Blaueis hinab. Die lange Zeit, die ich mich durchgehend im Absturzgelände befinde, strengt psychisch äußerst an und kurz vor dem Kleinkalter spiele ich mit dem Gedanken wieder umzudrehen. Doch auch der Rückweg ist inzwischen sehr lang und alles andere als verlockend, weshalb ich mich dazu entschließe, noch bis auf den Kleinkalter zu steigen, um mir von dort aus den letzten Aufschwung auf den Hochkalter anzuschauen.

Je näher ich dem Hochkalter komme, desto flacher erscheint jedoch der Schlussanstieg und so steige ich weiter. Inzwischen laufe ich komplett in der warmen Nachmittagssonne und für die letzten Kletterstellen kann ich sogar die dicken Handschuhe ausziehen. Über eine plattige Rinne erreiche ich eine kleine Scharte, eine weitere, sehr ausgesetzte Rinne umgehe ich rechtsseitig über gestuften Fels, dann gilt es noch eine kurze, steile Wandstufe abzuklettern, den kurzen Gegenanstieg zu meistern und endlich stehe ich am Gipfel des Hochkalters. Ein Jubelschrei hallt durch die verschneite, menschenleere Bergwelt, aber es ist bereits 15 Uhr und ich kenne den Abstiegsweg in das Ofental nicht, weshalb ich mich nur schnell ins Gipfelbuch eintrage, einen Riegel esse und dann sogleich mit dem Abstieg beginne.

Das obere Stück ist weniger steil, als ich erwartet habe und so komme ich gut voran. Auch der angetaute Schnee bietet hier viel mehr halt als der leichte Pulverschnee im Aufstieg. Nach dem flachen, oberen Drittel des Abstiegs wird das Gelände aber rasch steiler. Eine Querung und eine Steilstufe, die ich mich an einer Sanduhr abseilen kann, bringen mich zu einer kleinen Scharte. Zwar sind es sicherlich noch 150 Höhenmeter bis zum Talgrund, doch der schwierigste Teil des Abstiegs scheint hinter mir zu liegen. Ein schwerer Trugschluss wie ich bald darauf merke! Das Gelände wird immer steiler und es gilt einige sehr unangenehme, ausgesetzte Querungen über verschneite Platten zu meistern. Zigmal seile ich mich an Sanduhren oder Felsköpfeln über Steilstufen ab. Nun rächt sich das leichte 30 Meter Seil, mit dem ich mich immer nur 15 Meter abseilen kann. Als ich endlich, nach zweieinhalb Stunden, das obere Ofental erreiche, verschwindet auch das letzte Licht des Tages.

Nun liegen die Schwierigkeiten zwar endgültig hinter mir, dafür dauert der Rückweg zum Hintersee nochmal gute 3 - 4 Stunden. Ich verstaue die Eisgeräte im Rucksack und hole die Wanderstöcke und die Stirnlampe hervor. Das Gelände ist zwar nicht mehr ausgesetzt, dafür gestaltet sich das Vorwärtskommen durch das grobe Geröll entsprechend mühsam. Immer wieder verliere ich den kaum erkennbaren Pfad und muss mich zwischen großen Felsbrocken hindurchkämpfen. Erst als ich die Latschenzone erreiche, wird der Weg eindeutiger und ich komme etwas schneller vorwärts. Zwei Stunden später erreiche ich das Klausbachtal. Ebener Boden und erste Fußspuren! Die Zivilisation hat mich wieder! Trotzdem zieht sich der Weg zurück zum Parkplatz nochmal enorm und erst eine Stunde später, um Punkt 20 Uhr stehe ich endlich wieder am Auto. Es war eine beeindruckende Tour, aber nach 17 Stunden, 19 Kilometern und fast 2.000 Höhenmetern will ich nur noch nach Hause ins Bett...


















12. Oktober 2018
Blaueisumrahmung

Die Blaueisumrahmung. Neben der Watzmann Ostwand einer der alpinen Klassiker in den Berchtesgadener Alpen. 5 Kilometer, 8 Gipfel, Kletterschwierigkeiten bis zum oberen IV. Grad und 10-12 Stunden reine Geh- bzw. Kletterzeit ohne Zu- und Abstieg.

Es herrscht noch tiefste Dunkelheit, als wir aus der warmen Stube der Blaueishütte ins freie Treten. Die Luft ist frisch und kalt. Ruhig liegt der große, von tausenden Felsbrocken gefüllte Blaueiskessel vor uns. Dahinter erheben sich die traurigen Reste des einstmaligen Blaueisgletschers, der den Zusatz „Gletscher“ allerdings leider schon seit einigen Jahren nicht mehr wirklich verdient hat. Schweigend wandern wir zu den geneigten Plattenfluchten, die vom Steinberg aus in den Kessel münden. Ein markierter Weg sucht sich geschickt die leichteste Route durch die Flanke und nur selten müssen wir die Hände zu Hilfe nehmen. Eine halbe Stunde später stehen wir am Gipfel des Steinbergs und werden von den Strahlen der im Osten aufgehenden Sonne gewärmt. Anschließend klettern wir über den kurzweiligen Grat zum Einstieg in die Nordostwand der Schärtenspitze. Hier kommt zum ersten Mal das Seil zum Einsatz, wobei sich die Schwierigkeiten auf eine abdrängende Rampe in der zweiten Seillänge beschränken und wir schon 45 Minuten später den Gipfel erreichen. An der Eisbodenscharte tauchen wir dann endgültig in das freie alpine Gelände ein. Keine Markierungen, sondern nur noch vereinzelte Steinmänner weisen uns den Weg zu einer breiten Rinne über deren rechte Begrenzung wir in leichter Kletterei rasch an Höhe gewinnen. Unterhalb des 1. Blaueisturmes sind wir uns kurzzeitig unsicher, finden dann aber das richtige Band, über das wir unterhalb des Gipfels teilweise sehr ausgesetzt auf die Ostseite queren können.

Als wir um eine Kante blicken, sehen wir zum ersten Mal den senkrechten, dunkel und abweisend aussehenden Gipfelaufschwung zum 2. Blaueisturm, der Schlüsselstelle der gesamten Tour. Ein entmutigender Anblick! Eine erste Wandstufe erklettern wir noch seilfrei, anschließend machen wir an einem massiven Ringhaken Stand. Ohne groß nachzudenken, folge ich dem hier ansetzenden, ausgesetzten Band zu einem roten Normalhaken vor einem großen Absatz. Wie geht es nun weiter? Das Band verengt sich und scheint schließlich in einen Kamin in Gipfelfalllinie zu münden. Anderseits soll die Seillänge eigentlich nur 30 Meter lang sein und ich bin jetzt schon bei knapp 35 Metern. Ich schaue nochmal ins Topo: Genau! Dem Grat 30 Meter folgen und dann befindet sich ein Ringhaken hinter einer Felskante. Hm, wenige Meter vor mir liegt eine Felsnische, aber so sehr ich auch suche, es ist einfach nirgends ein Standhaken zu finden. Rechts von mir befindet sich eine nicht allzu hohe, aber relativ steile Wandstufe, durch die sich ein kaminartiger Riss zieht. Vielleicht hier? Aber dann hätte doch sicherlich mal jemand einen Normalhaken geschlagen. Also doch weiter dem Band folgen? Vorsichtig taste ich mich auf dem schmalen Band vor, aber das ist viel zu weit und vor dem anschließenden Kamin gibt es noch eine Unterbrechungsstelle, die alles andere als einfach aussieht. Also wieder zurück zum Absatz. Ein weiteres Mal schaue ich mir das Topo an, aber es scheint alles zu passen. Langsam werde ich ungeduldig. Hier muss doch irgendwo der blöde Stand sein? Ist er aber offensichtlich nicht! Schließlich entscheide ich mich dazu, doch noch den Risskamin zu versuchen.

Leicht sind die paar Meter nicht gerade. Spreizend schiebe ich mich Stück für Stück höher, ein guter Friend sorgt für die nötige Absicherung, dann bin ich auf dem oberen Absatz und sehe schon rechts von mir einen großen Ringhaken blitzen. Das kann doch nicht wahr sein! „Ich bin so ein Depp!“, fährt es mir durch den Kopf, als mich sogleich die Erkenntnis trifft. In dem Topo habe ich es sogar gelesen: 30 Meter über den Grat – und nicht über das Band. Aber irgendwie war das Band für mich so logisch, dass ich überhaupt nicht weitergedacht habe. Eine halbe Stunde hat der Spaß bestimmt gekostet, aber immerhin sind wir wieder richtig. Mit der nächsten Seillänge hat Rebecca keine Probleme. In leichtem Zick-Zack wird der nächst höhere Absatz erklommen, dann steige ich wieder vor und klettere durch einen kurzen, steilen Riss zum Stand unter der Schlüsselstelle. Die Begeisterung, dass sie jetzt die Schlüsselstelle im Vorstieg erwischt hat, fällt bei Rebecca eher verhalten aus. Wir befinden uns direkt am Fuß eines breiten Spaltes zwischen dem Gipfel des 2. Blaueisturmes und einem Gratturm, der seit einem großen Felssturz Mitte der 50er Jahre die Unternehmung deutlich erschwert hat. Und der Spalt sieht wirklich beängstigend breit aus! Von unten kann man sich kaum vorstellen, dass er überhaupt überwindbar sein soll. Allerdings habe ich da wohl die Schrittlänge von Rebecca unterschätzt. Immer an der Kante entlang klettert sie die ersten sechs Meter bis zu einem großen Normalhaken, der sich in ihrer Position aber nur schwer klippen lässt und somit überraschenderweise die eigentliche Schlüsselstelle darstellt. Ist man dann nämlich erst einmal direkt beim Haken, kann man problemlos auf eine von unten nicht sichtbare Leiste am Turm antreten und sich hinüberschwingen. Anschließend hangelt man zwei Meter nach links, klippt einen weiteren Normalhaken auf dem Turm, der die nötige Sicherheit für den Schritt zurück an die gegenüberliegende Wand gibt. Nun folgt noch ein kurzer, steiler Riss und ein freudiger Schrei hallt durch das Blaueisgebiet, als Rebecca den Stand am Ende der Schwierigkeiten erreicht. Während ich nachsteige, bin ich von ihrer Leistung ehrlich beeindruckt, denn leicht ist die Seillänge wahrlich nicht.

Über schottrige Bänder kommen wir zu einer ausgesetzten, aber leichten Wandstufe, über die wir in schöner Kletterei den dritten Blaueisturm erreichen. Gegenüber sehen wir schon das Kreuz der Blaueisspitze, doch dazwischen müssen wir erst einmal in eine deutlich tieferliegende Scharte abklettern. Durch einen weiteren schmalen Felsspalt kommen wir auf die Ostseite der Blaueisspitze. Wie Rebecca durch den dunklen Spalt in Richtung der gleißenden Helligkeit auf der anderen Seite schreitet, hat etwas quasi-religiöses. Dann stehen wir auch schon unterhalb der letzten schweren Seillänge. Ein fünfzehn Meter hoher Riss zieht sich empor zum Gipfelkamm. Links davon gibt es zwar noch einen Kamin, der laut Topo etwas leichter sein soll, aber im Riss steckt immerhin ein Normalhaken, der die ersten Meter etwas absichert und die sind aufgrund der fehlenden Tritte auch wirklich kraftraubend. Schnell klettern heißt hier die Devise. Der Rest ist deutlich leichter und am Kamm finde ich einen guten Köpfel, an dem ich Rebecca nachholen kann. Zusammen folgen wir dem einfachen Gratrücken zum kleinen Gipfelkreuz der Blaueisspitze.

Es ist bereits 15 Uhr und der Gipfel des Hochkalters, an dem heute Hochbetrieb herrscht, ist noch durch eine weitere tiefe Scharte, die Blaueisscharte, von uns getrennt. Die Schwierigkeiten sollten nun aber eigentlich nicht mehr der Rede wert sein, weshalb wir uns eine kurze Pause gönnen. Dann beginnen wir mit dem problemlosen Abstieg hinab in die Scharte. Unter uns liegen die kümmerlichen und dreckig aussehenden Reste des einstigen Gletschers. Durch das Labyrinth aus massigen Felsbrocken suchen wir uns einen gangbaren Weg zum Beginn der Ostflanke auf den Hochkalter. Die markante Rinne, die sich fast bis zum Gipfel zieht, ist komplett mit Schnee gefüllt und wir beschließen, etwas links davon durch eine Verschneidung zu klettern. Bald zwingen uns die steilen Felsen dann aber doch dazu, nach rechts in die Rinne zu queren. Der Schnee ist pickelhart gefroren, aber zum Glück gibt es alte, tiefe Fußspuren denen wir folgen können. Ein Ausrutscher ist bei den Bedingungen allerdings keine Option und sobald es das Gelände zulässt, verlassen wir die Rinne wieder und klettern über gestuften Fels in Richtung Gipfel, den wir schließlich um kurz nach 16 Uhr erreichen. Die Menschenmassen, die wir den ganzen Tag über gesehen haben, sind längst verschwunden. Wir tragen uns ins Gipfelbuch ein, essen eine Banane und genießen noch kurz den wunderschönen Ausblick ins obere Wimbachgries. Dann wenden wir uns der tiefstehenden Nachmittagssonne entgegen und beginnen mit dem langen Abstieg zum Hintersee.


















20. Juli 2018
Grenzkammweg Bayerischer Wald
Auf fast der gesamten Länge des Bayerisch-Böhmischen Waldes ziehen sich uralte Pfade direkt an der Deutsch-Tschechischen-Grenze entlang. Heute bieten die unmarkierten Steige durch die Kernzonen der Nationalparks Bayerischer Wald und Šumava einen wahren Schatz für Einsamkeit liebende Wanderer.

Ich starte meine Tour an dem Wanderparkplatz Fredenbrücke unterhalb der abgelegenen Siedlung Waldhäuser. Pünktlich als ich loslaufen will, ergießen sich dicke, dunkle Regenwolken über den Bayerischen Wald und bereits nach wenigen Minuten bin ich völlig durchnässt. Über einen halbstündigen, lange Zeit schnurgerade durch das Unterholz führenden Pfad erreiche ich die Racheldiensthütte. Die mehr als einhundert Jahre alte Diensthütte liegt inzwischen mitten im Nationalparkgebiet und wird für Wanderer bewirtschaftet. Bei dem schlechten Wetter ist allerdings weit und breit keine Kundschaft in Sicht und auch ich zweige jetzt nach rechts ab, um anfangs über eine Forststraße, bald jedoch über einen kurzweiligen Steig den Aussichtspunkt der Felsenkanzel zu erreichen. Die entsprechende Aussicht versteckt sich zwar leider im dicken Nebel, dafür bietet der düstere, mich umgebende Fichtenwald eine mystische Stimmung, die gut zum Rachelsee passt, den ich kurz darauf passiere. Der dunkle Bergsee ist zusammen mit den beiden Arberseen, einer von drei glazialen Karseen auf der deutschen Seite des Bayrisch-Böhmischen Waldes. Während Nebelfetzen über den still daliegenden Bergsee getragen werden und die knorrigen, uralten Bäume des umliegenden Urwaldes in den tief hängenden Regenwolken verschwinden, lassen sich die düsteren Legenden, die sich um den See ranken, nur umso besser nachvollziehen. Die Seelen Verstorbener sollen hier umgehen, arglose Waldarbeiter verschwunden sein…

Bevor auch mir ein ähnliches Schicksal blüht, mache ich mich auf den Weiterweg. Der steinige Pfad führt weiterhin beständig ansteigend in Richtung des breiten Gebirgskammes. Bei schönem Wetter bietet der rasch lichter werdende, zum Großteil abgestorbene Fichtenwald wunderschöne Rückblicke auf den Rachelsee und in die umliegenden Täler. Pünktlich als ich den Kamm erreiche, lässt der Regen nach und ich lasse die markierten Wege hinter mir. Ein kaum sichtbarer Pfad zweigt hier vom Hauptweg ab und führt durch hohes, nasses Gras und ebenso nasse Heidelbeersträucher in Richtung Osten. Obwohl der Pfad kaum zwei Fuß breit und nur sehr schwer zu erkennen ist, gestaltet sich die Orientierung problemlos. Ich folge immer dem flachen Kamm und der darauf verlaufenden Grenze, die alle fünfzig Meter durch einen weißen Pfosten markiert ist. Das ist auch schon der einzige Hinweis auf menschliche Anwesenheit in dieser großen Waldwildnis. Keine Schilder weisen den Weg, keine Rückewege gilt es zu kreuzen, keine Jagdsitze sind zwischen den Bäumen zu sehen. Es gibt nur Wälder, Moore und Wiesen.

Am Bärenlochriegel reißen die Wolken kurzzeitig auf und ich kann zum ersten Mal die riesigen Waldflächen überblicken, die mich umgeben. Nur wenig später am Plattenhausenriegel, dem höchsten Punkt zwischen Lusen und Rachel, wandere ich aber schon wieder im dichten Nebel. Die kahlen Stämme, der umliegenden, vor langer Zeit abgestorbenen Fichten, die sich wie drohende Zeigefinger gen Himmel strecken, geben auch dieser düsteren Nebellandschaft etwas mystisches, gar unheimliches. Ebenso das große Hochmoor mit seinem niedrigen Bewuchs aus knorrigen Latschenkiefern, das ich anschließend durchquere. Doch schon beim Abstieg zum Sattel „Modrý sloup“ lichtet sich der Nebel wieder und der Blick kann frei bis zum Lusen schweifen. Sanft steigt der Pfad jenseits des Sattels zu dessen kahler Kuppe hin an. Richtung Norden könnte man dem Grenzverlauf noch weiter folgen, doch ich habe bereits jetzt noch einen langen Abstieg vor mir und so erklimme ich die letzten Höhenmeter über ein mit gelblichen Flechten bewachsenes Geröllfeld.

Am Gipfel bietet sich ein Rundum-Panorama, das einen Großteil meines bisherigen Weges einschließt und bei guter Fernsicht sogar bis an die Alpen reicht. Nach einer kurzen Rast steige ich über den Sommerweg ab, der mich schnurgerade nach Südwesten führt. Eine felsige Schlucht querend, erreiche ich die Kleine Ohe, einen alten Triftbach, dem ich nun bis zum Parkplatz folge. Immer wieder sind Überbleibsel dieser alten, gefährlichen Arbeit zum Abtransport des geschlagenen Holzes zu sehen: Ein aufgestauter See, ein alter Damm aus morschem Holz und vor allem der begradigte Gewässerlauf. Ansonsten fließt der kleine Fluss wieder komplett sich selbst überlassen durch den dichten Mischwald und immer wieder liegen große Baumstämme und Geröll im Bachbett. Wie die Kleine Ohe im Kleinen ist auch der gesamte Nationalpark Bayerischer Wald vor allem eines: Ein chaotisches, wunderschönes Stück sich regenerierende Wildnis, das es so nur an wenigen Stellen in Deutschland gibt.




















12. Mai 2018
Unfall am Hörndl

Langsam quälen wir uns und unsere Mountainbikes die immer steiler werdende Forststraße hinauf. Ein Genuss ist das nicht gerade. Vor allem nicht mit den fünfzehn Kilogramm Kletterzeugs im Rucksack. Eigentlich wollten wir jetzt entspannt am Schaflsteig sitzen, zwei Croissants frühstücken und dann in die Südwand am Stadelhorn einsteigen, doch ein ebenso langanhaltender wie heftiger Regenschauer hat uns gestern im Zustieg ordentlich durchnässt und jede Lust auf ein Biwak förmlich ertränkt. In dem Moment als wir wieder zurück am Auto waren, kam dann natürlich die Sonne raus. Doch abermals mit dem Aufstieg beginnen? Auf keinen Fall! Also fuhren wir zurück nach Inzell und entschieden uns, am nächsten Tag an der Hörndlwand klettern zu gehen.

Obwohl es am frühen Morgen noch recht kühl ist, sind wir gut durchgeschwitzt, als wir die Branderalm erreichen. Wir schließen die Räder an einen massiven Holzzaun und gehen zu Fuß weiter. Weit ist es nicht mehr und so stehen wir schon eine halbe Stunde später am Beginn der mächtigen zweihundert Meter hohen Felswand aus bestem Kalkstein. Bevor wir in die vier Seillängen lange Sockelroute einsteigen, sitzen wir noch ein paar Minuten entspannt am Wandfuß, essen eine hoffentlich die nötige Power gebende Banane und genießen den Ausblick in Richtung Rauschberg und Unternberg.

Die von Fritz Schmitt und Georg Mitterer 1925 erstbegangene Route „Nordwestsockel“ ist eine klassische, alpine Route im IV. Grad durch die ungefähr 80 Meter hohe, unterste Wandstufe der Hörndlwand. Darüber setzt der 50 Meter hohe Vorbau an, der wiederrum durch ein Band von der ebenfalls nochmals circa 50 Meter hohen Gipfelwand getrennt ist. Durch die drei Wandteile führen verschiedenste Routen, die sich zu mehreren, teils sehr lohnenden Kombinationen verbinden lassen.

Die erste Seillänge steige ich vor. Um eine Kante herum geht es ein paar Meter aufwärts zu einer großen Nische, nach der sich bereits der erste Stand befindet. „Aber das waren ja kaum 15 Meter?! Da lässt sich doch sicherlich noch die zweite Seillänge anhängen“, denke ich mir. Vor einem knappen Jahr sind wir die Route bereits schon einmal geklettert und ich kann mich erinnern, dass es nach der Nische über ein schmales Band nach rechts ging. Also klettere ich direkt über der Nische nach rechts. Ein paar Normalhaken gibt es auch, nur einen Stand kann ich am Ende des Bandes nirgends finden. Komisch. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir einen Stand mobil absichern mussten, aber was soll’s. Ich lege eine Schlinge um einen massiven Felsbrocken und hole Rebecca nach. Danach schauen wir uns den Weiterweg genauer an, aber irgendetwas passt hier nicht. Statt des kurzen Überhanges, der eigentlich kommen müsste, liegt rechts von uns ein steiles Wandstück mit zwei uralten Normalhaken. Na toll. Sich gleich in der ersten Seillänge einer bekannten Route zu versteigen, muss man auch erst einmal schaffen. Der Superkletterer lässt grüßen. Immerhin zeugen die Haken davon, dass wir nicht die ersten sind, denen dieses Missgeschick passiert. Aber was nun? Zurück oder weiter? Von den zwei Normalhaken angespornt, versuchen wir es mit dem Sturm nach vorne, doch bereits nach zwei Metern geht diesem die Luft aus. Der Fels ist steiler und die Griffe sind schlechter als gedacht. Gepaart mit der prekären, kaum verbesserbaren Absicherung entscheiden wir uns einstimmig zu einem geordneten Rückzug auf bekanntes Gelände.

Diesmal darf Rebecca ihr Glück versuchen und sie schafft es auf geradezu bravuröse Weise, den richtigen Weiterweg zu finden. Allzu schwer ist das aber zugegebenermaßen nicht unbedingt. Einfach der Rampe weiter geradeaus folgen, über einen kleinen Überhang klettern, dann über das richtige Band nach rechts queren, bis es breiter wird und schließlich endet. Hier gibt es auch den vorher vergeblich gesuchten Standhaken. Den folgenden, sehr kurzen, aber auch kräftigen Überhang darf ich wieder in Angriff nehmen. Diesmal schlage ich mich besser im vertikalen Orientierungslauf und ohne Zwischenfälle erreiche ich den nächsten Stand. Hier nehmen wir das Seil auf und klettern über kurze, einfache Wandstufen und breite Bänder zum Beginn des Merklrisses.

Der zweite Teil der Routentriologie sieht schon bedeutend ernster aus. Fuchsteufelswild was die berühmt-berüchtigte Traunsteiner Klettergilde um Willy Merkl, Fritz Bechthold, Peter Müllritter und einer Handvoll anderer Alpinisten in den 20er Jahren des vorherigen Jahrhunderts hier mit einfachsten Mitteln abgeliefert hat. Ursprünglich nur mit IV+ bewertet, zeugt die Route auch von einer ordentlichen Portion Understatement. Dabei ist der markante, 40 Meter hohe Riss heutzutage selbst als glatter 5er nicht überbewertet und mit einer kurzen Einzelstelle ist es hier vor allem auch nicht getan.

Eigentlich hätte ich auch mal Lust, den rechts danebenliegenden Schmittriss zu klettern. Ebenfalls von Fritz Schmitt und Georg Mitterer Mitte der 20er Jahre erstbegangen, trägt die Route den wenig schmeichelhaften Beinamen „Schinder“. Nach Kletterspaß hört sich das zwar nicht gerade an, Spannung dürfte aber garantiert sein. Ein paar wenige Normalhaken, die ihre beste Zeit wahrscheinlich schon ein paar Jahrzehnte hinter sich haben, lassen sich zwar von unten aus erkennen, trotz allem dürfte die Absicherung äußerst dürftig sein, weshalb ich mich schließlich doch dazu entscheide, den Merklriss zu klettern. Ich erinnere mich zwar noch lebhaft an die letztjährige Begehung, bei der ich fast zehn Meter über der letzten unzuverlässigen Sicherung langsam aber sicher nervös wurde, aber da weiß ich dennoch wenigstens, was mich erwartet.

Heute läuft es gut. Schnell und problemlos überwinde ich das kräftige, überhängende Anfangsstück. Sogar drei Bohrhaken gibt es auf diesen ersten Metern, dafür war es das dann aber auch für die nächsten 35 Meter. Na ja, weiter geht‘s. Meter für Meter spreize ich empor. Die Griffe sind gut, aber die Kletterei bleibt steil und kraftraubend. Alte Normalhaken gibt es reichlich, die Haltekraft ist aber nur schwer einzuschätzen und so lege ich bald darauf noch eine Schlinge um einen massiven Felsknubbel. Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder nach links queren, ein paar Meter gerade hochklettern und dann wieder zurück in den Riss traversieren oder direkt in dem glatter werdenden Spalt emporspreizen.

Plötzlich falle ich und einen Sekundenbruchteil später hänge ich schon wieder im Seil. Scheiße, was war das denn?! Die Schlinge! Zum Glück habe ich die Schlinge gelegt! Sie hat gehalten und ich baumele nur circa zwei Meter weiter unten im Seil. Ein Glücksgefühl durchströmt mich. Mein erster, unerwarteter Sturz und so schlimm war das gar nicht. Kurz sortieren und schon kann es weitergehen. Doch dann sehe ich meinen Finger und irgendetwas stimmt da nicht. Der Mittelfinger der linken Hand ist schief. Mist! Instinktiv biege ich den Finger gerade, doch sofort fällt er wieder zur Seite. Scheiße! „Ich glaube, ich habe mir den Finger gebrochen“, rufe ich zu Rebecca, die unter mir steht und mich sichert. Mist! Mist! Mist! Sie lässt mich ab und ich denke noch daran, die restlichen Exen mitzunehmen. Unten schaue ich mir nochmal meinen Finger an, aber gesund sieht er immer noch nicht aus. Also ab ins Krankenhaus. Während Rebecca noch das Seil im Rucksack verstaut, fange ich schon mit dem Abstieg an. Ich will einfach nur runter. Schnell klettere ich ein paar kurze Kraxelstellen ab, dann laufe ich zu den Rucksäcken, die wir am Einstieg zurückgelassen haben. Kurz darauf kommt auch Rebecca. Wir schnappen uns die Rucksäcke und steigen gleich weiter ab. Verdammter Mist! Und das wo wir doch kommende Woche ins Frankenjura fahren wollten! So schnell laufe ich den Weg zur Branderalm hinab, dass Rebecca kaum hinterherkommt. „Ein Weißbier“, schießt es mir plötzlich durch den Kopf! Das wäre jetzt was! Etwas komisch ist der Gedanke zugegebenermaßen schon, aber wir brauchen ja schließlich auch noch den Stempel für den Rad- und Wanderpass.

So sitzen wir also kurz darauf auf der Terrasse der Branderalm, ich mit meiner notdürftig mit Taschentüchern verbundenen Hand und philosophieren über das Geschehene. „Vielleicht ist der Finger ja doch nur ausgekugelt“, überlege ich laut. Oh ja bestimmt! Bitte lass es keinen Bruch sein! Das anfängliche Adrenalin hat einem stechenden Schmerz Platz gemacht. Die ersten Meter auf dem Mountainbike schaffe ich noch fahrend, aber der holprige, steile Schotterweg fordert schnell seinen Tribut und schon bald tut der Finger so weh, dass ich unmöglich weiterfahren kann. Also absteigen und das Rad hinunterschieben. Es ist echt eine ganz große Scheiße! Als wir endlich das Auto erreichen, fahren wir ins Krankenhaus nach Ruhpolding. Verdächtig ruhig ist es hier und ja, auch wir sind fehl am Platz, denn eine Notaufnahme gibt es hier nicht. Wir müssen weiter nach Traunstein. Fünf Stunden später, es ist bereits früher Abend, sitzen wir in Traunstein beim Inder. Meine ganze Hand ist geschient und dick verbunden. In einer Woche werde ich operiert, damit der multiple Bruch wieder gerichtet werden kann. Unangenehm, schmerzhaft und ärgerlich, aber letztendlich hätte es natürlich auch schlimmer ausgehen können…
















14. Januar 2018
Winterbesteigung Staufen Nordwand

Es ist 5 Uhr 30, als wir auf dem Parkplatz Staufeneck das Auto abstellen. Kalte Luft schlägt uns entgegen und wir holen wortlos unsere schweren Rucksäcke aus dem Kofferraum. Schnee liegt hier unten auf knapp 500 Metern im Moment nicht mehr und der Schotter knirscht unter unseren schweren Bergstiefeln, als wir loslaufen. Ein markanter Wärmeeinbruch vor drei Tagen gepaart mit starkem Regen bis in die Gipfellagen hat dem bisschen Schnee in den Niederungen schnell den Garaus gemacht. Seitdem war es tagsüber sonnig und nachts frostig, so dass die Lawinengefahr sehr überschaubar sein dürfte. Der langgezogene, schneefreie Forstweg zur Maieralm eignet sich perfekt zum Einlaufen, danach biegen wir nach links ab und steigen in Serpentinen weiter durch den dichten Bergwald an. Nur zögerlich wird es auf der schattigen Nordseite des Hochstaufens heller und obwohl eigentlich ein wolkenloser Himmel vorhergesagt war, wabern überraschenderweise ein paar dicke Wolkenpakete um den Gipfel. Der Anblick ruft schlechte Erinnerungen an unseren Besteigungsversuch vor zwei Wochen hervor, bei dem wir wegen dichtem, sich einfach nicht auflösendem Nebels auf knapp 1.400 Metern Höhe umdrehen mussten.

Am Ende des Fahrwegs erreichen wir eine große Freifläche unterhalb der steil aufragenden Felswände des Ostgrats. Ein breiter Lawinenstrich mit großen Schneebrocken zieht sich bis zum Wald hinab und wir folgen ihm eine breite Rinne nach rechts hinauf. Bald wird das Gelände so steil und der Schnee ist so hart gefroren, dass wir bereits unsere Steigeisen anziehen und die Pickel auspacken. 100 Meter steigen wir durch die Rinne empor, dann leiten uns die überhängenden Felsen weiter nach rechts, bis erneut zwei parallele Rinnen Richtung Gipfel führen. Das letzte Mal sind wir hier umgedreht, heute steigen wir in die Wand ein. Leider bekommt Rebecca bald ziemliche Probleme mit ihren Steigeisen. Sie hat zwar extra Körbchensteigeisen dabei, aber scheinbar sind ihre Schuhe nicht mehr steif genug, denn egal wie fest wir die Steigeisen ziehen, sie rutscht trotzdem alle paar Meter heraus und muss sie neu richten.

Zurück wollen wir diesmal aber nicht. Also packen wir schon hier das Seil aus und ich steige immer fast die kompletten 60 Meter vor, mache an ein paar dicken Latschen oder am Fels Stand und hole Rebecca nach. Ein Unterfangen, dass zwar Sicherheit bringt, aber viel Zeit kostet und es ist bereits 15 Uhr als wir die große Kanzel ungefähr in der Wandmitte erreichen. Zumindest im Sommer ist das hier die große Kanzel. Im Winter nimmt die Steilheit der gleichmäßigen Schneerinne noch weiter zu. Im Grunde ist es eine riesige Rutschbahn. Aber immerhin weiß ich jetzt, dass wir richtig sind. Ein steiler Felspfeiler zieht gerade empor Richtung Ostgrat und wir halten uns rechts davon. Zwei Seillängen später machen wir eine kurze Pause. Weiter oben wird die Rinne immer schmaler und steiler, bevor sie in einer senkrechten Verschneidung endet. Wir befinden uns jetzt direkt unter der Gipfelwand und tief unter uns liegen die Dörfer des Rupertiwinkel bereits in der Dämmerung.

„Im Hellen werden wir das nicht schaffen“, sage ich zu Rebecca, während ich mich umschaue. „Aber dann können wir uns jetzt wenigstens Zeit lassen“. Die drei nun folgenden Seillängen bilden die Schlüsselseillängen der winterlichen Hochstaufen Nordwand. Ich klettere vor, doch bereits beim ersten abschüssigen Tritt rutsche ich mit den Steigeisen ab. „Das ist ja ein spitzenmäßiger Anfang“, denke ich mir. „Lass es uns etwas weiter links versuchen“, meint Rebecca und tatsächlich: Hier komme ich problemlos über die ersten steilen Meter in eine geneigte Eisrinne. Nach circa zehn Metern schlage ich einen Haken, bevor die Rinne auf einem breiten Schneeabsatz ausläuft. In dem brüchigen Kalkgestein dauert es eine gefühlte Ewigkeit bis ich einen Standplatz eingerichtet habe, doch die geschlagenen Haken sitzen trotzdem nur schlecht. Kurz darauf ist Rebecca bei mir und ich klettere angespannt in die nächste Seillänge. Jetzt nur keinen Fehler machen. Doch das Gelände wird zum Glück leichter und ich erreiche den Beginn einer weiteren senkrechten Wandstufe.

Diesmal sitzen die Haken bombenfest. Inzwischen ist es dunkel und ich ziehe die Handschuhe aus, um die Stirnlampen im Rucksack zu suchen. Nachdem ich die Stirnlampen gefunden habe, will ich die Handschuhe wieder anziehen, doch in der kurze Zeit sind sie so steif gefroren, dass ich keinen Millimeter mehr hineinkomme. Scheiße! Entnervt stecke ich die Handschuhe in den Rucksack. Ein zweites Paar habe ich natürlich nicht mitgenommen, also muss es so gehen. Erst einmal stellt sich aber die Frage, wie es nun weitergeht. Weit können wir in der Dunkelheit nicht mehr sehen, aber das es gerade hoch nicht weitergeht, wird auch so deutlich. Vom Sommer her weiß ich, dass rechts von uns die breite Gipfelrinne liegen muss, also versuchen wir einen Quergang nach rechts. Ich will gerade losklettern, als meine Stirnlampe ausgeht. Das kann doch nicht wahr sein! „Was geht denn heute noch alles schief?“, schießt es mir durch den Kopf. Eine Stirnlampe für zwei Leute? Das mag beim Wandern noch kein Weltuntergang sein, beim Klettern ist es aber wirklich ganz großer Mist. Zum Glück scheint der Mond und zusammen mit dem hellen Schnee ist es nicht völlig dunkel. Wir tauschen die Stirnlampen und vorsichtig quere ich auf einer schmalen Felsleiste nach rechts. Mit dem Pickel suche ich nach Halt, unter mir sehe ich nur Schwärze und ich kann mich nicht entscheiden, ob mich das beruhigt oder eher beunruhigt. Schon nach wenigen Metern sind meine Hände eiskalt und ich habe kaum noch Gefühl in den Fingern. Bei einem kleinen Latschenbusch erreiche ich leichteres Gelände. Die Querung war zwar kaum zehn Meter lang, aber hier kann ich einen guten Stand einrichten und Rebecca mit der Stirnlampe immerhin ein bisschen den Weg leuchten.

Zum Glück hat sie noch ein paar Stoffhandschuhe im Rucksack, in die ich sogar meine halb erfrorenen Finger zwängen kann. Über uns zieht nun eine breite, steile Schneerampe Richtung Gipfel. Das muss die große Rampe sein, die direkt zum Ausstieg führt. Die Schwierigkeiten sollten also hinter uns liegen. Ich quere die große Schneefläche und halte mich am rechten Rand gerade empor, weiter oben meine ich bereits den Ausstieg erahnen zu können, wobei mich an dem Anblick irgendetwas stört. Eine Seillänge später weiß ich, was mich an dem Anblick gestört hat: Genau im Ausstieg zum Gipfelplateau, dort wo man im Sommer einfach zwischen zwei Felswänden hindurch spazieren kann, hat der Wind einen gigantischen Schneepfropfen reingepresst. Ich steige noch etwas höher, bis ich direkt unter dem Gebilde stehe und kann es nicht fassen. Eine riesige, sicherlich zehn Meter hohe Wand aus senkrechtem Schnee versperrt den Ausstieg. Links davon gibt es nur steilen, ungegliederten Fels. Hier kommen wir unmöglich weiter. Rechts liegt ein paar Meter höher ein mit Latschen bewachsener Gratrücken. Wie es dahinter weitergeht, kann ich von hier aus nicht sehen. Probeweise schlage ich meinen Eispickel in die Schneewand vor mir. Keine Chance! Der Pickel versinkt augenblicklich in dem weichen Pulverschnee. So ein Mist! Vielleicht komme ich aber bis zu der Felswand ein Stück weiter rechts? Dort kann ich mit etwas Glück einen Stand einrichten und eventuell auch schauen, wie es hinter dem Grat aussieht. Ich beginne mich empor zu wühlen. Der Schnee ist auch hier sehr pulvrig, nirgends finde ich halt und bei jedem Versuch rutsche ich sofort wieder zurück. Ich will schon aufgeben, als ich endlich ein kurzes Stück höher komme. Das motiviert mich und nach einer schieren Ewigkeit erreiche ich die Felsen. Das Gestein ist ziemlich brüchig und absicherungstechnisch dementsprechend eher suboptimal. Nach einigem Suchen finde ich aber doch noch einen kurzen Riss, in den ich einen Haken schlagen kann.

Rebecca scheint nicht so ganz zu wissen, was sie von dem Schneeknäul halten soll, aber erst einmal hat sie genug damit zu kämpfen durch die Schneeflanke zu mir hochzukommen. Von ihr gesichert, quere ich zum Grat, aber das Gelände jenseits davon ist im Dunkeln leider nur schlecht einsehbar. Als ich wieder zu Rebecca zurücksteige, fällt mir ein schwacher Lichtschein auf, der zwischen dem Schneeklumpen und der rechtsseitigen Felswand hindurch zu schimmern scheint. Ich wühle mich zu der Schneewand und inspiziere den Spalt. Vielleicht können wir uns ja auf die andere Seite durchbohren? Ich beratschlage mich kurz mit Rebecca, aber da keiner von uns Lust hat, hier zu biwakieren oder sogar wieder abzusteigen,beschließen wir es zumindest zu versuchen. Bewaffnet mit Eispickel und Eishammer und geschützt durch meine Kapuze stürze ich mich in den Kampf gegen den Schneepfropfen. Ich schlage und haue, kratze, reise ein und bohre mich so langsam aber sicher nach vorne. Auch der Lichtschein wird stärker. Ich schlage den Eispickel ein letztes Mal durch den Schnee, dann kann ich den Kopf ins Freie stecken. Geschafft! Ein lauter Jubelschrei halt durch die Nacht. Ich hole Rebecca nach und endlich stehen wir zusammen auf dem flachen Gipfelplateau. Wir fallen uns in die Arme. Es ist 23 Uhr und tief unter uns leuchten die Lichter des nächtlichen Salzburgs.














© 2023 Sebastian Steude

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