Mitte September treffe ich mich mit meiner Schwester und ihrem Freund in Roding, um den oberen Abschnitt des Flusses zwischen der Stadt Regen und Roding zu befahren. Die ersten Kilometer führen durch ein waldreiches Tal und dieser Abschnitt heißt nicht umsonst „Bayerisch-Kanada“. Die Strömung ist meist flott und immer wieder sorgen kleinere Stromschnellen für Abwechslung. Gleich am Beginn des zweiten Tages erreichen wir mit dem „Bärenloch“ die erste Schlüsselstelle der Tour (WW II) und dann passiert es: Arne bricht sein Paddel. Er schafft es anzulanden und wir suchen in der folgenden Kurve nach dem Paddelblatt, geben aber bald auf. In dem dunklen Wasser hat man keine Chance, das Blatt zu finden. Am Ufer beratschlagen wir uns, doch dann finde ich zufällig im Wald ein Förmchen und wir entschließen uns, mit viel Panzertape und einer Angelschnur ein provisorisches Paddelblatt zu basteln. Perfekt ist unser Konstrukt zwar nicht gerade und vor allem Arne ist anfangs skeptisch, doch nach ein paar zaghaften Versuchen ist klar, dass es hält und das ist ja erst einmal die Hauptsache. So setzen wir unsere Fahrt also fort und erreichen kurz vor Teisnach das erste Wehr. Da die Umtragestrecke mit ihren 800 Metern sehr lang ist und wir nicht mehrmals gehen wollen, versuchen wir, unsere Boote mit dem ganzen Gepäck alleine auf dem Rücken zu tragen. Die ersten hundert Meter gehen noch, aber dann wird es sackrisch schwer und ich bin froh, als ich endlich am Wiedereinstieg stehe. Von Sarah und Arne ist allerdings keine Spur mehr zu sehen und so laufe ich zurück. Auf halber Strecke liegt Arnes verwaistes Boot auf dem Weg und ich denke mir, dass er wohl nach Sarah schauen wird, weshalb ich sein Boot ebenfalls vortrage. Kaum habe ich den Wiedereinstieg erreicht, als auch schon Arne aufschließt – ohne Sarah. Gemeinsam machen wir uns auf die Suche nach ihr, doch wir können sie nirgends finden. Es gibt einen einzigen Abzweig auf der Strecke und ich laufe über anderthalb Kilometer bis kurz vor Teisnach, aber sie ist einfach nicht zu sehen. Arne wird in der Zwischenzeit langsam aber sicher unruhig und denkt bereits an ein Verbrechen. Eine gute Stunde suchen wir alles ab, dann steht Sarah mit ihrem knallgelben Boot genervt vor uns. Sie war tatsächlich falsch abgebogen, wollte quer durch den Wald abkürzen, als sie es merkte und hat sich dabei mit ihrem Boot heillos im dichten Gestrüpp verstrickt, bis sie schließlich wieder umgedreht ist. Ich kann es nicht fassen, aber Arne ist einfach nur froh, dass sie wieder da ist.
Kurz hinter Teisnach folgt noch ein kleineres Wehr und wir haben dazugelernt: Diesmal tragen wir die Boote gemeinsam, gehen lieber mehrmals und lassen vor allem Sarah nicht mehr aus den Augen. Nach dem Wehr geht es wieder in ein enges Waldtal und die Strömung bleibt flott, bis der Rückstau des Wasserkraftwerks Gumpenried beginnt. Durch die beiden Verzögerungen ist es bereits spät, und wir beeilen uns, liegen doch noch ein paar Kilometer bis Gstadt vor uns. Kurz hinter dem Kraftwerk befindet sich mit dem „Gumpenrieder Schwall“ (WW II-III) die zweite Schlüsselstelle der Tour. In einem Bericht haben wir gelesen, dass man rechtzeitig rechts anlanden soll, um sich die Stromschnelle vorher anzuschauen und gegebenenfalls zu umtragen. Das machen wir natürlich auch vorbildlich, allerdings schaut der Schwall gar nicht so wild aus, sodass wir ihn alle fahren wollen. Ich fahre als erstes und warte danach an einem Felsblock. Auch Sarah und Arne haben keine Probleme und zufrieden wollen wir nun in Richtung Abendsonne paddeln. Doch kurze Zeit später wird das Rauschen wieder lauter und wir müssen feststellen, dass wir zu früh angelandet sind und der Gumpenrieder Schwall erst noch vor uns liegt. Jetzt heißt es: Augen zu und durch! Der Schwall ist wirklich äußerst spritzig und die eine oder andere Welle schwappt voll ins Boot, dennoch macht er richtig Spaß und ich bin etwas enttäuscht, dass es so schnell schon wieder vorbei ist.
Am folgenden Vormittag erreichen wir Viechtach, die erste Stadt direkt am Fluss. Während Sarah und ich beim Bäcker ein bisschen Verpflegung für die kommenden Etappen kaufen, kann sich Arne von einem Kanuverleih ein neues Doppelpaddel leihen, da das Förmchen vor allem im zahmen Wasser dann doch einen kleinen Leistungsabfall bei ihm verursacht hat.
Die Landschaft bleibt weiterhin wunderschön, da der Regen durch zwei große Kraftwerke allerdings seeartig aufgestaut wird, nimmt die Strömung deutlich ab und wir müssen uns gehörig ins Zeug legen, um unseren Schnitt zu halten. Am Höllensteinsee machen wir eine Pause und gehen Pilze suchen. Beziehungsweise eigentlich eher Pilze sammeln, denn die leckeren Waldfrüchte wachsen hier in solchen Mengen, dass wir uns nur die schönsten Exemplare rauspicken können. Gut versorgt, paddeln wir noch anderthalb Stunden weiter, bis wir am Blaibacher See anlanden und unsere Zelte aufschlagen. Zum Abendessen gibt es natürlich Pilze, doch scheint Sarah irgendetwas nicht zu vertragen, denn sie bekommt in der Nacht massive Magen-Darm-Probleme. Da sie am folgenden Morgen total gerädert ist und es auch Arne nicht gut geht, beschließen wir schweren Herzens, die Tour abzubrechen und ich mache mich zu Fuß auf den Weg nach Blaibach, um dann mit dem Zug nach Roding zu fahren und das Auto zu holen.
Da es mir gut geht, will ich trotzdem noch zwei Tage im Bayerischen Wald bleiben und etwas wandern gehen, und so sitze ich am Abend wieder an unserem Einstieg in Regen, an dem wir drei Tage vorher gestartet sind und esse Spaghetti mit Pesto. Während ich im Auto schlafe, werde ich um 3 Uhr nachts wach. Irgendetwas stimmt nicht. Ich brauche etwas, bis ich bemerke, dass mir schlecht ist und dann kommt es auch schon hoch. Ich schaffe es gerade noch aus dem Auto und kotze mir sprichwörtlich die Seele aus dem Leib. Zitternd setze ich mich wieder ins Auto und warte, ob es besser wird, doch mir ist hundeelend und zehn Minuten später muss ich mich schon wieder übergeben. Das macht so keinen Sinn und ich beschließe, heimzufahren. Es soll die schlimmste Autofahrt meines Lebens werden. Alle Viertelstunde muss ich anhalten und mich übergeben. Nach fünf Stunden komme ich endlich zu Hause an und falle völlig erledigt ins Bett.