Ich starte meine Tour am Wanderparkplatz Fredenbrücke unterhalb der abgelegenen Siedlung Waldhäuser. Pünktlich als ich loslaufen will, ergießen sich dicke, dunkle Regenwolken über den Bayerischen Wald und bereits nach wenigen Minuten bin ich völlig durchnässt. Über einen halbstündigen, lange Zeit schnurgerade durch das Unterholz führenden Pfad erreiche ich die Racheldiensthütte. Die mehr als einhundert Jahre alte Diensthütte liegt inzwischen mitten im Nationalparkgebiet und wird für Wanderer bewirtschaftet. Bei dem schlechten Wetter ist allerdings weit und breit keine Kundschaft in Sicht und auch ich zweige jetzt nach rechts ab, um anfangs über eine Forststraße, bald jedoch über einen kurzweiligen Steig den Aussichtspunkt der Felsenkanzel zu erreichen. Die entsprechende Aussicht versteckt sich zwar leider im dicken Nebel, dafür bietet der düstere, mich umgebende Fichtenwald eine mystische Stimmung, die gut zum Rachelsee passt, den ich kurz darauf passiere. Der dunkle Bergsee ist zusammen mit den beiden Arberseen einer von drei glazialen Karseen auf der deutschen Seite des Bayerisch-Böhmischen Waldes. Während Nebelfetzen über den still daliegenden Bergsee getragen werden und die knorrigen, uralten Bäume des umliegenden Urwaldes in den tief hängenden Regenwolken verschwinden, lassen sich die düsteren Legenden, die sich um den See ranken, nur umso besser nachvollziehen. Die Seelen Verstorbener sollen hier umgehen, arglose Waldarbeiter verschwunden sein…
Bevor auch mir ein ähnliches Schicksal blüht, mache ich mich auf den Weiterweg. Der steinige Pfad führt weiterhin beständig ansteigend in Richtung des breiten Gebirgskammes. Bei schönem Wetter bietet der rasch lichter werdende, zum Großteil abgestorbene Fichtenwald wunderschöne Rückblicke auf den Rachelsee und in die umliegenden Täler. Pünktlich als ich den Kamm erreiche, lässt der Regen nach und ich lasse die markierten Wege hinter mir. Ein kaum sichtbarer Pfad zweigt hier vom Hauptweg ab und führt durch hohes, nasses Gras und ebenso nasse Heidelbeersträucher in Richtung Osten. Obwohl der Pfad kaum zwei Fuß breit und nur sehr schwer zu erkennen ist, gestaltet sich die Orientierung problemlos. Ich folge immer dem flachen Kamm und der darauf verlaufenden Grenze, die alle fünfzig Meter durch einen weißen Pfosten markiert ist. Das ist auch schon der einzige Hinweis auf menschliche Anwesenheit in dieser großen Waldwildnis. Keine Schilder weisen den Weg, keine Rückewege gilt es zu kreuzen, keine Jagdsitze sind zwischen den Bäumen zu sehen. Es gibt nur Wälder, Moore und Wiesen.
Am Bärenlochriegel reißen die Wolken kurzzeitig auf und ich kann zum ersten Mal die riesigen Waldflächen überblicken, die mich umgeben. Nur wenig später am Plattenhausenriegel, dem höchsten Punkt zwischen Lusen und Rachel, wandere ich aber schon wieder im dichten Nebel. Die kahlen Stämme der umliegenden, vor langer Zeit abgestorbenen Fichten, die sich wie drohende Zeigefinger gen Himmel strecken, geben auch dieser düsteren Nebellandschaft etwas Mystisches, gar Unheimliches. Ebenso das große Hochmoor mit seinem niedrigen Bewuchs aus knorrigen Latschenkiefern, das ich anschließend durchquere. Doch schon beim Abstieg zum Sattel „Modrý sloup“ lichtet sich der Nebel wieder und der Blick kann frei bis zum Lusen schweifen. Sanft steigt der Pfad jenseits des Sattels zu dessen kahler Kuppe hin an. Richtung Norden könnte man dem Grenzverlauf noch weiter folgen, doch ich habe bereits jetzt noch einen langen Abstieg vor mir und so erklimme ich die letzten Höhenmeter über ein mit gelblichen Flechten bewachsenes Geröllfeld.
Am Gipfel bietet sich ein Rundum-Panorama, das einen Großteil meines bisherigen Weges einschließt und bei guter Fernsicht sogar bis an die Alpen reicht. Nach einer kurzen Rast steige ich über den Sommerweg ab, der mich schnurgerade nach Südwesten führt. Eine felsige Schlucht querend, erreiche ich die Kleine Ohe, einen alten Triftbach, dem ich nun bis zum Parkplatz folge. Immer wieder sind Überbleibsel dieser alten, gefährlichen Arbeit zum Abtransport des geschlagenen Holzes zu sehen: ein aufgestauter See, ein alter Damm aus morschem Holz und vor allem der begradigte Gewässerlauf. Ansonsten fließt der kleine Fluss wieder komplett sich selbst überlassen durch den dichten Mischwald und immer wieder liegen große Baumstämme und Geröll im Bachbett. Wie die Kleine Ohe im Kleinen ist auch der gesamte Nationalpark Bayerischer Wald vor allem eines: ein chaotisches, wunderschönes Stück sich regenerierende Wildnis, das es so nur an wenigen Stellen in Deutschland gibt.