Am nächsten Morgen brechen wir bei bewölktem, aber ansonsten freundlichem Wetter auf. Von Regen keine Spur. Auf einem schönen Schotterweg, der die ersten Kilometer meist entlang einer kleinen Bahntrasse führt, lassen wir rasch die wenigen Häuser von Tyndrum hinter uns. Bald baut sich vor uns der mächtige Gipfel des Beinn Dorain auf, der von dieser Seite wie eine gigantische grasbewachsene Pyramide wirkt. Entlang seiner steilen Flanke gelangen wir in das kleine Dorf Bridge of Orchy, das wir kaum betreten, bevor wir es schon wieder verlassen und im nun aufziehenden Regen mit dem Anstieg zu einem kleinen Pass oberhalb des Loch Tulla beginnen. Ein kurzes Stück führt der Weg durch Wald bergan, bevor wir wieder die typischen schottischen Heidelandschaften erreichen. Am höchsten Punkt genießen wir kurz den Blick auf den Loch Tulla, der unter uns im Regen liegt, doch ebendieser Regen zwingt uns dazu, möglichst schnell einen geeigneten Zeltplatz zu finden – was sich als deutlich schwieriger erweist als gedacht. Rein theoretisch darf man in Schottland zwar dank des Scottish Outdoor Access Code fast überall zelten, auch auf Privatgrundstücken, doch praktisch wird das durch Gelände, Wasserläufe und Moorflächen stark eingeschränkt. Vor allem in den Highlands ist es gar nicht so einfach, einen halbwegs ebenen, felsfreien Platz mit Wasser in der Nähe zu finden. Nach einer gefühlten Stunde habe ich schließlich mit großem Glück den einzigen möglichen Zeltplatz weit und breit entdeckt, und als unser Zelt endlich steht, sind wir völlig durchnässt.
Am nächsten Morgen zeigt sich das Wetter wieder von seiner freundlichen Seite. Nach einem kleinen Frühstück treten wir gut gelaunt aus dem Zelt – und erleben den blanken Horror. Zugegeben, man kann uns Naivität vorwerfen, im August nach einer durchregneten Nacht und an einem windstillen Morgen ungeschützt in den Highlands aus dem Zelt zu steigen, doch in den Tagen zuvor hatten wir kein einziges Mal die Plagegeister gesehen, und selbst alles, was wir darüber gelesen hatten, erwies sich als Untertreibung. Die Rede ist von Midges – winzig kleinen Beißmücken, die nun zu Millionen über uns herfallen. Es ist die absolute Hölle. Jede frDie Hautfläche versuchen wir mit Kleidung zu bedecken, schließlich ziehen wir uns sogar die Schlauchtücher über den Kopf, sodass wir kaum noch etwas sehen, aber wenigstens die Gesichter halbwegs geschützt sind. Die nächsten Minuten verschwinden praktisch aus dem Gedächtnis, doch irgendwie schaffen wir es, das Zelt abzubauen. Sobald wir in Bewegung sind, lässt die Attacke etwas nach, aber stehenbleiben wird sofort bestraft. Und genau das ist das Dilemma, denn der morgendliche Blick auf den Loch Tulla ist eigentlich atemberaubend: Wolkenschwaden wabern zwischen den gegenüberliegenden Bergen, während das Wasser des Sees mit den nassen Bäumen um die Wette glitzert.
Die weitere Etappe führt uns über alte Militärstraßen durch das riesige Rannoch Moor, eine weite, fast unberührte Landschaft, die immer wieder durch kleine Hügel aufgelockert wird und weite Ausblicke ermöglicht. Kurz vor dem Ende der zweiten Etappe überqueren wir die A82 und betreten Glen Coe, das wohl berühmteste Tal Schottlands. Mächtige, zwischen 700 und 900 Meter hohe Felsgipfel stürzen steil und baumlos in das Tal hinab. Wenige hundert Meter hinter dem Kingshouse Hotel schlagen wir unser Zelt am Etive River auf, an dem der aufgekommene Wind glücklicherweise alle Midges vertrieben hat und wir entspannt am Fluss zu Abend essen können.
Am nächsten Morgen kippt das Wetter erneut. Es schüttet wie aus Eimern, und der leichte Wind vom Vorabend wird zu einem ausgewachsenen Sturm, der unser Zelt einer Belastungsprobe unterstellt. Wir packen im Eiltempo zusammen und folgen zunächst der A82, bevor der Weg zum Devil’s Staircase ansteigt, dem mit rund 550 Metern höchsten Punkt des West Highland Way. Oben angekommen lässt der Regen nach und wir nutzen die Gunst der Stunde zu einer Pause. Danach beginnt der lange Abstieg nach Kinlochleven, der durch das besser werdende Wetter die dritte Etappe versöhnlich beendet.
Die letzte Etappe zwischen Kinlochleven und Fort William teilen wir auf, da sie mit knapp 25 Kilometern recht lang ist. Bei bestem Wetter steigen wir durch kleine Wälder zu einem Sattel zwischen Beinn na Caillich und Stob Bàn auf und genießen immer wieder den Blick zurück ins Tal des River Leven. Das einsame Hochtal gehört zu den schönsten Abschnitten der gesamten Route, ebenso wie die Ruinen des alten Hofs Tigh-Na-Sleubhaich, die traumhaft zwischen den Berghängen liegen. Unser Zelt schlagen wir schließlich oberhalb des Loch Lundavra auf. Zum Sonnenuntergang steige ich noch auf den Gipfel des Maol a’ Chaorainn, von dem sich ein weites Panorama eröffnet: im Norden Fort William, etwas östlich der Ben Nevis, im Osten die Mamore Mountains und im Süden die fjordartigen Arme des Atlantiks.
Die letzte Etappe führt schließlich durch eine waldreiche Schlucht Richtung Glen Nevis. Ein Abstecher zum An Dùn bietet noch einmal einen schönen Blick auf den Ben Nevis, bevor wir die letzten Kilometer entlang der Straße nach Fort William zurücklegen – zumindest der weniger schöne Teil der Route. Wer möchte, bleibt besser auf den Cow Hill Trails und steigt erst kurz vor der Stadt zur Straße hinab. In der Fußgängerzone erreichen wir die berühmte Walker’s Statue in Fort William, an der der West Highland Way endet und damit auch unsere Tour durch den Nordwesten Schottlands.