Schon oft habe ich mir die Westwand des Großen Weitschartenkopfs angeschaut – diese 400 Meter hohe Riesenwand, die sich zwischen Grenzgraben und Großem Bruder erstreckt. Irgendwo da muss die Westwand von 1912 durchgehen, aber auch nach mehrmaligem Abgleichen mit der alten Beschreibung aus dem Alpenvereinsführer erschließt sich mir die Linienführung nicht. Entweder passt etwas im unteren Bereich nicht oder im oberen Bereich – oder einfach überhaupt nicht. Na ja, wenn man dann einmal vor Ort ist, wird es sich schon irgendwie ergeben, denke ich. Und so radle ich mit Robert über die nicht enden wollende Forststraße dem Wandfuß entgegen.
Nach einem mühsamen Zustieg durch steilen Bergwald stehen wir schließlich tatsächlich unter der Wand – und so richtig klar wird uns die Linienführung immer noch nicht. Von drei der Wand vorgelagerten Spitzen ist die Rede, gegenüber der südlichsten davon soll sich der Einstieg befinden. Mit etwas Fantasie kann man tatsächlich so etwas wie eine Spitze erkennen und wir steigen zu den Felsen empor. Rechts sollen nun Überhänge sein – na ja, irgendwo ist der Fels natürlich immer mal etwas überhängend. Aber eine Rinne links davon? Nicht wirklich. Dafür sehen wir weit über uns das große Grasband, von dem die Rede ist. Wobei: Das sind eigentlich eher Latschen. Dafür schaut die Linie kletterbar und recht logisch aus.
Letzten Endes bringt uns alles Grübeln nicht weiter und bevor wir noch mehr Zeit vergeuden, steigen wir einfach mal ein. Die erste Seillänge ist gleich etwas unangenehm – feucht und schwierig abzusichern. 25 Meter über dem Boden mache ich Stand; der letzte Friend steckt 15 Meter unter mir - und hätte vermutlich ohnehin nicht gehalten. Dafür ist der Stand gut und ich hole Robert nach.
Die zweite Seillänge führt bald auf eine Latschenterrasse und ich bin froh, dass ich eine Handsäge dabei habe. Spätestens jetzt ist klar, dass wir völlig falsch liegen. Da wir aber nach wie vor keine Ahnung haben, wo die eigentliche Tour verlaufen könnte, entscheiden wir uns, weiterzuklettern. Noch einmal schauen wir uns das Wandfoto an. Irgendwie müssen wir auf die nächste Terrasse gelangen, dann sollte dem Weg zum Gipfel nichts mehr im Wege stehen. Dorthin führt eine Rampe, die links von uns ansetzt. Allerdings ist auf dem Foto auch eine Unterbrechungsstelle zu erkennen – vermutlich die Schlüsselstelle. Vier Haken habe ich dabei, nicht gerade viel für eine Neutour an der Reiter Alm.
Auf dem leichtesten Weg klettere ich nach links empor. Ein schöner Riss führt auf einen letzten Latschenabsatz, dann wird es spannend. Über plattigen Fels klettere ich zur Kante und kann einen guten Haken schlagen. Nun kommt die Unterbrechungsstelle. Sie schaut machbar aus und entpuppt sich durch einen versteckten, aber guten Henkel an der richtigen Stelle sogar als deutlich leichter als gedacht.
Über schönen, rauen Reiteralmfels geht es anschließend auf die zweite Terrasse. Die nächste Seillänge ist Genuss pur und so stehen wir wenig später auf dem Großen Band. Das Band ist so breit, dass wir hier das Seil wegpacken können. Und da die Latschen nur ganz vorne wachsen, wandern wir das letzte Stück tatsächlich über ein wunderschönes Grasband mit tollen Ausblicken über das Saalachtal zum Gipfel – zumindest das Ende passt also wieder, wenn auch der Verlauf der übrigen Route nach wie vor im Dunkeln liegt.
Am Ende hat die angepeilte Wiederholung zwar nicht geklappt, dafür haben wir vermutlich den leichtesten Weg durch die Riesenwand des Großen Weitschartenkopfs gefunden. Einen glatten Fünfer, wie ihn die Erstbegeher 1912 geklettert sind, suchten wir jedenfalls vergeblich.