Nun ist es August und die Bedingungen passen. Über die traurigen Reste des einstigen Watzmanngletschers steige ich zur Scharte zwischen dem 5. Watzmannkind und der Mittelspitze empor. Von hier aus habe ich zum ersten Mal einen Blick in die gewaltigen Abbrüche der Südwände, die sich schließlich in wilden Gräben und Schrofen oberhalb der Eiskapelle verlieren. Auf den ersten Metern zum 5. Kind muss ich mich kurz an die Ausgesetztheit gewöhnen, dann wird das Klettern flüssiger und ich erreiche schnell den unscheinbaren Gipfel. Wie bei allen Watzmannkindern ist die Ostflanke deutlich leichter, und ich steige ohne Schwierigkeiten hinab in die Scharte zur Jungfrau.
Steil – nein, sehr steil – erhebt sich deren Westwand darüber. Ich bin ehrlich beeindruckt und mir ist nicht ganz klar, wo hier ein leichter Weg hindurchführen soll. Doch mit jedem Meter hinab zur Scharte lehnt sich die Wand etwas zurück, und als ich schließlich direkt unter ihr stehe, sieht es bei weitem nicht mehr so schlimm aus. Schuttriger, aber dennoch gut gangbarer Fels bringt mich rasch durch den untersten Teil. Danach gilt es, zwei kurze Überhänge zu überwinden, die man an soliden Normalhaken auch problemlos sichern könnte. Ich klettere noch etwas höher und erreiche schließlich einen alten Stand. Die nächste Stufe sieht sehr steil aus, und ich entschließe mich, die 20 Meter (IV+) zu sichern. Von hier aus könnte man auch direkt auf die Kante (IV–) wechseln – beeindruckende Ausgesetztheit inklusive. Oberhalb der Stufe wird das Gelände schon wieder einfacher, und ich erreiche den relativ exponierten Gipfel. Es gibt zwar eine Abseilstelle direkt in die Scharte zum 3. Watzmannkind. Wenn man allerdings (wie ich) nicht weiß, wie lang die Abseilstelle ist, sollte man besser über den Normalweg absteigen. Anfangs ein kurzes Stück am Grat nach Norden kletternd, geht es bald hinab auf das große Plattenband, dem man so lange folgt, bis es sich im gestuften Fels verliert, über den man problemlos zum Wandfuß absteigen kann. Nun folgt Gehgelände zum 3. Watzmannkind, diesem mit seiner seltsam anmutenden, geneigten Riesenplatte sich nur wenig abhebenden Knubbel. Aufgrund seiner unschwierigen Besteigung ist es dennoch das meistbesuchte der Watzmannkinder.
Die Westflanke zum 2. Watzmannkind bietet wieder mit schön gestuftem Fels und einer tollen Plattenstelle im obersten Teil Genusskletterei. Fehlt noch das letzte der Watzmannkinder. Die Westwand des 1. Kindes erhebt sich noch einmal deutlich steiler aus der Scharte, und eine steile Platte verlangt kurzzeitig etwas Kraft. Es folgen gestufte Schrofen, bevor ein kurzer, senkrechter Kamin den Weg zum Gipfel versperrt (IV–). Auch hier muss ich noch ein oder zweimal kräftig zupacken, dann erreiche ich den Gipfel des 1. Watzmannkindes. Tief unter mir liegt der Königssee, eingezwängt zwischen den steil abfallenden Wänden des Hagengebirges und des Steinernen Meeres. Ich verspeise meinen obligatorischen Tourenapfel und steige anschließend über kurze Wandstufen in die Watzmannscharte ab. Da noch etwas Zeit ist, entschließe ich mich, auch den Kleinen Watzmann über seine Südwand mitzunehmen. Steiler werdende Schrofen bringen mich zum Beginn des markanten Kriechbands, über das ich mich nun robbend nach oben arbeite. Der Rest des Anstiegs ist einfach, und über Grasabsätze und leichte Schrofen erreiche ich schließlich den letzten Gipfel des Tages.