Die erste Route durch die senkrechten Wände links der Gipfelfalllinie gelang Toni Kurz gemeinsam mit Karl Dreher Ende August 1934. In insgesamt achteinhalbstündiger Kletterei bezwangen sie eine teilweise überhängende Rissreihe, an der sich zuvor bereits mehrere Seilschaften versucht hatten. Fast genau 92 Jahre später stehen auch wir am Einstieg. Eigentlich wollten wir die Schertle-Verschneidung klettern, die wenige Meter weiter links ihren Anfang nimmt. Nachdem jedoch, man glaubt es kaum, tatsächlich noch eine zweite Seilschaft mit ebenjenem Vorhaben anrückt (und da heißt es immer, die Klassiker klettert keiner mehr), weichen wir auf den Westwandriss aus. Nach einer ersten, zwar gestuften, aber dennoch überraschend anspruchsvollen, da plattigen und nur schwer abzusichernden Seillänge wird es zum ersten Mal steiler. Prompt in der zweiten SL versteigt sich mein Seilpartner und nach einigem (vor allem für ihn) sehr nervenaufreibendem Hin und Her lasse ich ihn wieder zu mir ab und übernehme von da an die Führung. Über mehrere Überhänge folge ich daraufhin einer Rissreihe bis unter die Schlüsselseillänge.
Ein feiner Riss durchzieht nun die plattige Wand, griffig und gut kletterbar zwar, aber vom ersten bis zum letzten Meter steil und schwer, ohne größere Absätze. Da kommt man schon mal recht ausgepumpt am folgenden, ziemlich unbequemen Stand an. Der Weiterweg erfordert nun etwas Orientierungssinn, ist die Linie doch nicht mehr ganz so klar vorgegeben. Eine lange, leichte Seillänge führt nach rechts über ein Band bis zu dessen Ende. Dann geht es über erneut plattigen, gestuften Fels nach links aufwärts zu einem dunklen Überhang, der zumindest früher technisch überwunden wurde, bevor wir das Westwandband knapp links der Alten Westwand erreichen. Laut Topo sollen wir nun gerade einem Riss folgen, doch gerade über uns ist da eine glatte Wand. Dafür gibt es links einen Riss an einer dubiosen Schuppe und rechts einen Riss, der allerdings nicht gerade nach dem Weg des geringsten Widerstands aussieht. Nach einigem Hin und Her (die alte Beschreibung im AVF wäre an dieser Stelle übrigens deutlich klarer gewesen) steige ich in den rechten Riss ein, sieht man hier doch nach ein paar Metern eine Schlinge hängen. Gerade eine Schlinge kann natürlich auch immer auf einen Rückzug hindeuten, doch nachdem ich sehe, dass es sich dabei um eine Sanduhrschlinge handelt, klettere ich zuversichtlich weiter. Der Riss wird jedoch ganz schön schwer und nachdem auch nach 25 Metern immer noch keine alten Haken auftauchen, werde ich langsam unsicher – zumal mir langsam die Friends ausgehen. Gerade überlege ich abzubrechen, als rechter Hand dann doch ein Schlaghaken auftaucht – allerdings silbern glänzend und alles andere als antik.
Spätestens hier bin ich mir dann doch ziemlich sicher, dass auch ich nun einen ordentlichen Verhauer fabriziert habe und so seile ich an dem zum Glück gut sitzenden Normalhaken ab. Zurück am Stand bleibt nun nur noch der linke Riss. Diesmal passt es, doch die inzwischen vorgerückte Stunde ermahnt zur Eile. Unter einem sperrenden Überhang geht es nach rechts, dann folge ich einer großen Rissverschneidung auf einen Absatz. Aus moralischen Gesichtspunkten ist die Rissverschneidung die Schlüsselstelle der gesamten Tour – geneigt zwar, aber aufgrund der ungenügenden Absicherung durch zwei nicht allzu gut sitzende Mikrokeile sollte man hier tunlichst nicht stürzen (weniger heikel ist es wohl, wenn man bereits am Beginn der Rissverschneidung nach links an die Kante quert). Eine letzte, leichte Seillänge fehlt noch, dann stehen wir endlich am Obersten Plattenband.
Nun muss alles schnell gehen: Da wir den Abstieg noch nicht kennen und bereits die Dämmerung hereinbricht, packen wir nur rasch unsere sieben Sachen zusammen und beginnen auch schon mit dem Abstieg. Leider weist das Plattenband zwei Abbrüche auf und ich habe nur eine sehr vage Beschreibung im Kopf. Den ersten klettert man ab, den zweiten seilt man ab. Einige Minuten später stehen wir auch schon am senkrechten Abbruch. Wie war das jetzt? Queren irgendwie. Aber von links nach rechts oder von rechts nach links? Wir versuchen es erst links bei ein paar Latschen, doch da ist kein Durchkommen. Also queren wir über geneigte Platten nach rechts an die steile Wand. Hier kommen wir ein paar Meter nach unten, dann der nächste Abbruch. Aber immerhin gibt es ein Band, das dann wiederum nach links zieht. Wir folgen ihm, doch dieses scheint ebenfalls abzubrechen. Um lange herumzusuchen bleibt keine Zeit mehr. Also queren wir auf einem weiteren Band wieder etwas nach rechts. Spätestens hier bin ich zwar sicher, dass wir falsch sind, denn von Zick-Zack stand auf jeden Fall nichts in der Beschreibung, doch es hilft nichts, wir müssen irgendwie nach unten kommen und hier scheint man immerhin mit dem Doppelseil bis zum Wandfuß abseilen zu können. Alte Abseilhaken gibt es keine, auch keinen Baum, keine Latsche, aber immerhin zwei Köpfel, an denen wir jeweils eine Schlinge opfern. Dann werfen wir die Seile nach unten – und es reicht. Sie liegen im Kar. Schnell seilen wir ab. Hans zieht das Seil ab, ich nehme es derweil schon auf, dann ein ärgerlicher Ruf. Er hat den Knoten nicht rausgemacht und dieser pendelt bereits fünf Meter über unseren Köpfen – manchmal ist aber auch wirklich der Wurm drinnen. Die Wand ist senkrecht und ich sehe uns schon das Seil zurücklassen, doch mancher wächst in Zeiten der Not über sich hinaus und Hans schafft es tatsächlich, über kleine Leisten bis an den Knoten zu kommen.
Rasch steigen wir weiter ab, inzwischen ist es bereits relativ dunkel und Stirnlampen haben wir keine dabei, dann stehen wir am zweiten Abbruch. Wieder schauen wir erst links, wieder ist keine Abseilstelle zu finden, wieder queren wir nach rechts. Dann sehe ich einen gebohrten Abseilstand funkeln. Wir haben es geschafft! Glücklich seilen wir über einen steilen Kamin ab, machen sogar noch einen Zwischenstand, denn inzwischen ist es so dunkel, dass wir nicht mehr erkennen können, ob das Seil bis zum Wandfuß reicht. Eine halbe Stunde später wären wir wohl nicht mehr nach unten gekommen. Ohne Biwaksack, nur mit dünnem Fleece, wäre das vermutlich ein sehr unangenehmes Nachtlager geworden, doch zum Glück ist es uns noch mal erspart geblieben. Hans arbeitet seit über 20 Jahren als Bergführer, ich klettere seit 13 Jahren alpin. Eigentlich sollte man meinen, dass wir beide genug Erfahrung besitzen, um nicht in solche Situationen zu kommen, doch auch Erfahrung ist nicht alles und in diesem Fall waren wir uns unserer Sache wohl zu sicher. Wir sind noch keine fünf Minuten am Auto, dann beginnt es zu regnen … ein wirklich sehr unangenehmes Biwak wäre das geworden.