Sebastian Steude
Klettertour: Hohes Gerstfeld – Alte Südwand von Sebastian Steude

09.11.2020 · Berchtesgadener Alpen

Hohes Gerstfeld – Alte Südwand

Schwierigkeit

IV+

Ernsthaftigkeit

E4

Länge

900m

Zeit

5-6 Std.

Exposition

Süd

Erstbegeher

H. Amanshauser, H. Feichtner, M. Hilber, 1919

Die Südwand des Hohen Gerstfelds ist eine der höchsten Wände der Reiteralm. 650 Meter erhebt sich dieser Koloss aus Fels, Gras und Geröll über der Halsgrube gen Himmel. Etwas weiter rechts gibt es eine markante Platte, die sogenannte Gerstfeldplatte, durch die zwei beliebte Plaisirtouren führen. Der zentrale Wandteil ist jedoch weiterhin ein ruhiges Gebiet für gestandene Alpinisten. Vor allem der Gerstfeldpfeiler ist aufgrund seiner Länge und der Schwierigkeiten bis VII/A1 eines der großen Unternehmen der Berchtesgadener Alpen.

Passender Kletterführer

Bergführer Berchtesgaden und Chiemgau

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Die alte Südwand von 1919 soll der leichteste Anstieg durch diese große Wand sein. Allerdings ist die Beschreibung im Alpenvereinsführer so vage („erst links der Schlucht hoch, dann die Schlucht queren und über Kamine zum Ausstieg“), dass viel Interpretationsspielraum bleibt. Den unteren Teil habe ich bereits vergangenes Jahr zusammen mit Rebecca durchstiegen, doch dann sind wir zu weit nach links gekommen und eher über eine Art Südwestwand auf den Gipfel gelangt.

Da es bereits Mitte November ist und die Tage doch schon etwas an Länge eingebüßt haben, breche ich bereits um 5 Uhr am Hintersee auf und merke dann, dass ich auch noch meine Stirnlampe vergessen habe, weshalb es mit der Handytaschenlampe zum Einstieg geht. Da ich die Rampe im unteren Wandteil bereits kenne, geht es schnell voran. Oberhalb der markanten Schlucht betrete ich Neuland und quere über eine abschüssige Schrofenterrasse nach rechts. Am Ende wird die Terrasse sehr schmal und ausgesetzt und mündet in einen Kamin. Da der Weiterweg durch den Kamin von einem Überhang versperrt ist, sichere ich mich und klettere nach rechts auf eine steile Schrofenrampe, die nach 60 Metern auf einem Latschenabsatz mündet. Auf der Rampe stoße ich sogar auf zwei alte Haken – ich scheine also richtig zu sein. Von dem Absatz aus kann ich problemlos nach rechts in die Route der Südkamine (V) queren, die hier als unschwierige Schlucht nach oben zieht. Ein kurzes Stück weiter oben gabelt sich die Schlucht, und man hat die Qual der Wahl: links geht es auf einen weiteren Latschenabsatz, rechts folgt man der Hauptschlucht, die sich allerdings wieder aufsteilt und schließlich von einem Block versperrt wird.

Da mir der Weiterweg nach rechts dennoch logischer erscheint, folge ich der Schlucht und erreiche unter dem Block überraschenderweise sogar einen Bohrhakenstand und ein Wandbuch. Neben den Südkaminen kreuzt hier noch die mit 21 Seillängen geradezu epische Geierwally von Arne Eckenberger, was auch die Bohrhaken erklärt. Laut dem vierzig Jahre alten Wandbuch werden beide Routen allerdings nur äußerst selten begangen, und von der Südwand findet sich überhaupt kein Eintrag. Die folgenden 20 Meter sind noch einmal recht schwer, aber wirklich schön zu klettern. Lediglich beim Ausstieg unter dem Block nervt der Rucksack dann doch gewaltig, allerdings kann ich mir kaum noch vorstellen, dass die Erstbegeher auch hier lang sind – eine glatte IV ist das auf jeden Fall nicht mehr. Also wäre es unten wohl doch nach links gegangen. Egal. Auf jeden Fall habe ich die größten Schwierigkeiten hinter mir.

Das Gelände ist nun gestuft und auch wenn es aufgrund der Größe etwas unübersichtlich ist, ist die Richtung klar: einfach irgendwie nach oben. Dennoch zieht sich der oberste Teil noch einmal gewaltig und ich erreiche schließlich am frühen Nachmittag recht ausgedörrt den Gipfel. Manchmal ist es wirklich schön, als einsamer Pfadfinder in so einer großen Wand unterwegs zu sein.

Charakter

Äußerst lange Abenteuertour, die teilweise sehr ausgesetzt durch die imposante Wand führt. Gutes Gespür für den richtigen Weg erforderlich.

Absicherung

Zwei Standhaken und zwei Zwischenhaken auf 900 Metern; man kann aber gut mit Friends, Klemmkeilen und Schlingen arbeiten.

Zustieg

Vom Parkplatz Hintersee auf der Straße 5 Minuten in Richtung Hirschbichlpass gehen, bis rechts der Weg zur Halsalm abzweigt. Dem Weg folgt man etwa 45 Minuten bergan, bis oberhalb der Halsgrube auf ca. 1.170 Metern Höhe ein unmarkierter Pfad links abzweigt. Dem Pfad folgt man, bis er sich in einer Geröllrinne verliert. Nun steigt man gerade durch die Rinne bis zum Wandfuß des Hohen Gerstfelds empor (1½ Std.).

Abstieg

Vom Gerstfeld-Gipfel erreicht man wenige Minuten weiter nördlich den markierten Steig, dem man nun nach links in stetigem Auf und Ab über Prünzlkopf und Reiter Steinberge zur Roßweide (2.045 m) folgt. Hier erreicht man den Abzweig zum Böselsteig, dem man nun teilweise drahtseilversichert in die Halsgrube hinab und zurück zum Parkplatz Hintersee folgt (2½–3 Std.).

Bilder