Die Südkamine am Hohen Gerstfeld zählen zu den eindrucksvollsten und längsten durchgehenden Kaminklettereien der Bayerischen Alpen. Rund 500 Höhenmeter zieht die gewaltige Kaminreihe durch die steile Südwand empor. Sie setzt im tiefsten Grund des mächtigen Gerstfeldtrichters an und bietet über weite Strecken homogene Schwierigkeiten, festen Fels und ausgezeichnete Sicherungsmöglichkeiten. Trotz ihrer Qualität wird die Route heute nur noch selten begangen und führt in völliger Einsamkeit auf den Gipfel.
Erstbegangen wurde die Route Mitte der 1960er-Jahre von Franz Rasp aus Maria Gern. Der Bergführer gehörte damals zu den stärksten Berchtesgadener Kletterern und wurde vor allem durch seine Ostwandbegehungen bekannt: 298-mal durchstieg er die höchste Wand der Ostalpen – auf allen Routen, im Sommer wie im Winter, teils über neue Varianten. Tragischerweise kam er genau dort ums Leben: Im Januar 1988 stürzten er und ein Gast in der Ostwand ab. Am Wandfuß fand man beide noch miteinander verbunden.
Bereits 23 Jahre zuvor hatte Rasp die Südkamine im Alleingang erstbegangen. Den ersten, überhängenden Abschnitt umgeht man zunächst links; nach drei Seillängen quert man jedoch in die eigentlichen Kamine, die anschließend fast ohne Unterbrechung und gespickt mit zahlreichen Überhängen zum Gipfel hinaufziehen.
Am Ende der letzten schweren Seillänge wartet ein letzter großer Klemmblock, unter dem man sich leicht abdrängend hindurchwinden muss. Danach öffnet sich das Gelände, und man steht im reich gegliederten oberen Wandteil. Von hier sind es noch rund 30 Minuten über leichtes Klettergelände bis zum Gipfel.
In den letzten Jahren wurden die Südkamine kaum noch wiederholt. Dabei machen gerade die durchgehende Linienführung, die homogenen Schwierigkeiten und die gute Absicherung die Route zu einer lohnenden alpinen Unternehmung für schöne Spätherbsttage. Nur auf einen Rucksack sollte zumindest der Vorsteiger besser verzichten.
Charakter
Lange Kletterroute durch eine nahezu durchgehende Kaminreihe in imposanter und völlig einsamer Umgebung.
Absicherung
Alpine Absicherung mit Normalhaken. Zusätzlich sehr gut mit Friends, Keilen und Schlingen absicherbar.
Zustieg
Vom Parkplatz Hintersee folgt man zunächst der Straße fünf Minuten in Richtung Hirschbichlpass, bis rechts der Weg zur Halsalm abzweigt. Diesem folgt man etwa 45 Minuten bergan, bis oberhalb der Halsgrube auf etwa 1.170 Metern Höhe ein unmarkierter Pfad nach links abzweigt. Dem Pfad folgt man, bis er sich in einer Geröllrinne verliert. Nun steigt man gerade durch die Rinne zum Wandfuß des Hohen Gerstfelds empor (1½ Std.).
Abstieg
Vom Gipfel des Gerstfelds erreicht man wenige Minuten weiter nördlich den markierten Steig. Diesem folgt man nach links in stetigem Auf und Ab über Prünzlkopf und die Reiter Steinberge zur Roßweide (2.045 m). Hier erreicht man den Abzweig zum Böselsteig, dem man nun, teilweise drahtseilversichert, in die Halsgrube hinab und zurück zum Parkplatz Hintersee folgt (2½–3 Std.).