Sebastian Steude
Klettertour: Hörndlwand – Nordriss von Sebastian Steude

25.06.2026 · Chiemgauer Alpen

Hörndlwand – Nordriss

Schwierigkeit

VI

Ernsthaftigkeit

E4

Länge

185m

Zeit

3-4 Std.

Exposition

Nord

Erstbegeher

F. Bechtold, W. Merkl, L. Sager, 1920

Nach dem ersten Weltkrieg bildete sich rund um Fritz Bechtold und den Wahl-Chiemgauer Willy Merkl die Traunsteiner Bergsteigergilde, deren Mitglieder für einige Jahre zu den stärksten Kletterern der Ostalpen gehörten. Die nahe Hörndlwand, dieser 1.684 Meter hohe Felsspitz in den Östlichen Chiemgauer Alpen oberhalb von Ruhpolding, entwickelte sich daraufhin zum Hausberg der Traunsteiner Kletterer.

Schon im Jahr 1901 war es der Traunsteiner Max Pflanz, der mit dem langen, etwas rustikalen Ostgrat einen ersten Anstieg durch die Felswelt der Hörndlwand wagte. Walter Schmidkunz fand wenige Jahre später mit unterschiedlichen Gefährten die beiden Schmidkunzwege, die noch heute zu den beliebtesten (Kletter-)Anstiegen an der Hörndlwand gehören. Der Ruhpoldinger Max Zeller und Willy von Redwitz nahmen sich bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs der markanten Kamine an, doch ab 1916 gehörte die Hörndlwand dann endgültig den Traunsteinern. Ganze zehn Neutouren kletterten die Traunsteiner zwischen 1916 und 1924. Mit dem markanten Nordriss gelang der Seilschaft Bechtold/Merkl hier auch 1920 ihr Meisterstück - mit gerade einmal 19 Jahren. Aber vielleicht braucht es auch den Übermut der späten Jugend, um sich mit der damaligen Ausrüstung - Hanfseil, Ringhaken, vielleicht die ersten Karabiner, aber auf jeden Fall ohne Helm, ohne Klettergut, ohne Sicherungsgeräte, ohne Friends und Keile in diesen dunklen, überhängenden Schlund zu wagen. Laut manchem Alpinhistoriker wie Willi Schwenkmeier dürfte es sich um den ersten VIer im gesamten Alpenraum gehandelt haben, bei dem anhaltend in diesem Schwierigkeitsgrad geklettert wurde - das sei mal dahingestellt, ganz sicher war es aber einer der ersten VIer außerhalb des Kaisers zu der Zeit (in den Berchtesgadener Alpen wurden ähnliche Schwierigkeiten beispielweise erst Mitte der 30er Jahre von Toni Kurz und Anderl Hinterstoisser erreicht bzw. übertroffen).

Der Zustieg erfolgt über den Alten Schmidkunzweg, meist seilfrei, aber auch hier gibt es bereits Stellen, die am III. Grad kratzen. Dann geht es über Schrofen nach links zum Stand unter einer kurzen Verschneidung. Die erste Seillänge ist noch nicht sonderlich schwer, IV+ vielleicht, V, wenn man keinen guten Tag hat, geschenkt ist sie aber jedenfalls auch nicht. Dann geht es über den Rand einer Platte unter den Schwarzen Riss, wo die eigentliche Tour beginnt. Oft nass ist dieser, was ihn nicht gerade einfacher macht - eine alte Rückzugsschlinge, um ein massives Felsköpfel gelegt, zeugt von missglückten Versuchen, von tropfendem Wasser, von versagender Moral. Hat man die ersten Schritte gewagt, sich erst einmal gut verspreizt, dann geht es aber schon irgendwie höher und höher - leicht es natürlich dennoch nicht, der Fels teilweise unerfreulich wenig henkelig - und weiterhin steil. Ein alter Zwischenstand nach 30 Metern kann bezogen werden - oder auch nicht. Ihm würde es jedenfalls nicht schaden, wenn man die Haken mal neu schlagen würde und auch die Reepschnüre gehören ausgetauscht (bei einer erneuten Begehung würde ich entsprechendes Material mitnehmen). Kurz danach folgt die Schlüsselstelle der Tour, eine kurze, glatte Stelle, vielleicht 2-3 Meter hoch, aber griffarm und abdrängend. Der Führer hat einen hilfreichen Tipp parat (linke Schulter in den Riss) und was erst unmöglich aussieht, ist dann doch irgendwie überwunden. Nun heißt es dranbleiben und sauber spreizend und stemmend steht man irgendwann in der großen Nische am Ende des Schwarzen Risses. Große Verschneidung heißt der zweite Abschnitt des vierteiligen Nordrisses. Im Gegensatz zum Rest der Route ist die steile Verschneidung etwas brüchig, sodass behutsames Steigen auf dem Programm steht - dafür ist sie mit V+ auch etwas leichter - und kürzer ebenfalls. Der dritte Abschnitt ist der Konische Riss, ein anfangs gruselig aussehender, moosiger Kamin, den man aber entweder direkt an der linken Begrenzungskante oder noch etwas weiter links über gestuften Fels umgehen kann. Nach etwa 10 Metern verengt er sich zum Binderriss, der an den Merklriss erinnert und der nach etwa 15 Metern zum letzten Stand führt. Den gesamten letzten Abschnitt kann man auch links über gestuften, etwas schrofigen Fels umgehen (V, 6 NH). So oder so bezieht man den letzten Stand zusammen mit der Gelben Wand, des großen Hörndlwand-Klassikers, der Mitte der 90er Jahre von Axel Eidam saniert und dann zum ersten Mal frei geklettert wurde. Gemeinsam führt die letzte Seillänge über eine kurze Verschneidung in etwas zweifelhaftem Fels in die Latschen-Schrofen und durch diese in wenigen Minuten zum Gipfel.

Charakter

Anspruchsvoller Klassiker mit klarer Linienführung und anhaltenden Schwierigkeiten.

Absicherung

Alpine Route. Wer den Zwischenstand im Schwarzen Riss auslässt, kann durchgehend gebohrte Stände nutzen. Ansonsten gibt es viele Schlaghaken recht unterschiedlicher Qualität. Zusätzliche Absicherung mit Schlingen, Keilen und Friends nötig und meist auch gut möglich.

Zustieg

Vom Parkplatz Seehaus folgt man dem ausgeschilderten Wanderweg zur Brander Alm. Oberhalb der Alm geht es wieder in den Wald, wo man nach ca. 15 Minuten eine ausgeschilderte Abzweigung erreicht. Man hält sich rechts und steigt nun zur unbewirtschafteten Hörndlalm auf. Nach der Alm bleibt man noch ein kurzes Stück auf dem Jägersteig, bis man bei einem umgestürzten Baum über deutliche Pfadspuren geradeaus zum Wandfuß ansteigen kann. Man klettert die ersten anderthalb Seillängen des Alten Schmidkunzwegs (III-). Auf einem Absatz bei einer Nische wendet man sich nach links und erreicht über Schrofen (I) den Einstieg an einer markanten Verschneidung (2 - 2 1/2 Std.).

Abstieg

Vom Gipfelkreuz folgt man den Pfadspuren bis zum Hauptgipfel (Passage II, NH, BH). Ab hier entweder über das Ostertal oder den Jägersteig zurück zum Ausgangspunkt (2 - 2 1/2 Std.).

Bilder