Um 2 Uhr klingelt der Wecker. Verschlafen schaffe ich es, mich zehn Minuten später aus dem Bett zu rollen und ins Bad zu stolpern. Schnell Zähne putzen, anziehen und Tee kochen. Dann schnappe ich mir den Rucksack und schon sitze ich im Auto auf dem Weg zum Hintersee. Die Luft ist kalt und frisch, als ich mit dem Aufstieg zur Blaueishütte beginne. Anfangs folge ich noch ein paar Fußspuren vom Vortag, doch schon nach wenigen Minuten hören sie wieder auf und ich ziehe meine eigene Spur durch den glitzernden Pulverschnee. Vor allem im Wald komme ich anfangs problemlos vorwärts. Viel hat es bisher nicht geschneit, und noch weniger ist davon durch das dichte Blätterdach gedrungen. Nach einer Stunde erreiche ich die Schärtenalm auf 1.360 Metern Höhe, und zum ersten Mal öffnet sich der Wald etwas. Ab hier wird auch der Schnee deutlich tiefer, und das Spuren fällt immer schwerer. Schon bald fange ich an zu schwitzen, obwohl die dicke Winterjacke noch im Rucksack liegt und ich nur die dünne Windjacke anhabe. Als der Wald schließlich den Latschen weicht, sehe ich wenige Meter oberhalb die Umrisse der Blaueishütte, die sich deutlich vom sternenklaren Nachthimmel abzeichnen.
An der Hütte mache ich eine kurze Pause, esse einen Riegel und lausche der Stille der Nacht. Vor mir liegt der große Kessel unterhalb des Blaueisgletschers. Einst der nördlichste Gletscher der Alpen und einer der wenigen Gletscher Deutschlands, ist er in den letzten Jahren so weit abgeschmolzen, dass er den Zusatz „Gletscher“ kaum noch verdient hat. Links davon erhebt sich die markante Gestalt der Schärtenspitze mit ihrer abweisenden, senkrechten Nordwand, doch mein Weg führt mich auf die gegenüberliegende Seite zu der weit emporziehenden Schotterfläche zwischen Rotpalfen und Schärtenwand. Anfangs ist der Pfad noch problemlos zu erkennen, doch auf der großen Schotterfläche suche ich mir bald meinen eigenen Weg. Es ist bereits 7 Uhr, aber immer noch stockdunkel. Nicht einmal ein heller Schein ist im Osten zu erkennen, und ich beginne mich langsam zu fragen, ob die Sonne heute überhaupt noch aufgeht.
Eine halbe Stunde später beginnt es dann doch zu dämmern, und der Himmel im Osten nimmt ein immer intensiver werdendes Rot an. Kurz darauf erreiche ich die erste Schlüsselstelle, eine circa 80 Meter hohe Platte unterhalb des Schönen Flecks. Hinter einem großen Findling mache ich Halt, ziehe die Steigeisen an und hole ein Eisgerät aus dem Rucksack. Beim Losklettern merke ich schnell, dass die Bedingungen alles andere als optimal sind. Viel Schnee liegt zwar nicht, aber doch genug, um den Fels komplett unter etwa fünfzehn Zentimetern fluffigem Pulverschnee zu verstecken, sodass ich ihn jeweils erst einmal freiwühlen muss. Die Steigeisen kratzen auf den glatten Felsplatten, aber die Griffe sind gut, weshalb ich vorsichtig höhersteige und schließlich den Kamm erreiche.
Sogleich stehe ich in der gleißenden Morgensonne und genieße den Ausblick auf die Südabstürze der Reiteralm. Über den breiten Kamm und mehrere kurze Kletterstellen komme ich zur zweiten Schlüsselstelle: einer fünfzehn Meter hohen, steilen Wandstufe. Ich hole das Seil aus dem Rucksack und richte an einem alten Schlaghaken am Wandfuß einen provisorischen Stand ein, dann klettere ich einen senkrechten Riss empor. In der Mitte des Risses kann ich einen Friend legen, richtig vertrauenserweckend ist die Sicherung aber nicht, weshalb ich noch einen Haken schlage. Mit einem Eisgerät finde ich in einem schmalen Riss guten Halt, mit der rechten Hand umklammere ich eine große Felsnase. Dann ziehe ich mich hoch, und wenige Augenblicke später stehe ich auf einer schmalen Leiste, von der ich nach links zu einem glänzenden Ringhaken balanciere. Nachdem ich mich wieder abgeseilt habe, um das Seil am unteren Stand loszubinden und meine Ausrüstung zu holen, ist es bereits 10 Uhr. Kurz überlege ich, ob ich mir den Anstieg zum Rotpalfen einfach sparen soll, aber wenn schon, dann will ich die Überschreitung auch vollständig absolvieren, und so steige ich die wenigen Meter zum unscheinbaren Gipfel empor.
Zum ersten Mal sehe ich einen großen Teil des Weges, der noch vor mir liegt, und das ist alles andere als ermutigend. Der Kamm verschmälert sich deutlich und verläuft das erste Stück fast eben, bevor er sich über einige Erhebungen zum Kleinkalter aufschwingt. Die Bedingungen sind sehr unangenehm: Die fünfzehn Zentimeter Pulver sind zu wenig zum Stapfen, aber doch so viel, dass die glatten, rutschigen Felsplatten verdeckt unter dem Schnee liegen und ein Abrutschen hier sicherlich fatale Folgen hätte, denn rechterhand fällt die Westflanke steil gen Kaltergraben ab, und im Osten geht es mehrere hundert Meter fast senkrecht bis zum Blaueis hinab. Die lange Zeit, die ich mich durchgehend im Absturzgelände befinde, strengt psychisch äußerst an, und kurz vor dem Kleinkalter spiele ich mit dem Gedanken umzudrehen. Doch auch der Rückweg ist inzwischen sehr lang und alles andere als verlockend, weshalb ich mich dazu entschließe, noch bis zum Kleinkalter zu steigen, um mir von dort aus den letzten Aufschwung auf den Hochkalter anzuschauen.
Je näher ich dem Hochkalter komme, desto flacher erscheint jedoch der Schlussanstieg, und so steige ich weiter. Inzwischen laufe ich komplett in der warmen Nachmittagssonne, und für die letzten Kletterstellen kann ich sogar die dicken Handschuhe ausziehen. Über eine plattige Rinne erreiche ich eine kleine Scharte, eine weitere, sehr ausgesetzte Rinne umgehe ich rechtsseitig über gestuften Fels, dann gilt es noch eine kurze, steile Wandstufe abzuklettern, den kurzen Gegenanstieg zu meistern und schließlich stehe ich am Gipfel des Hochkalters. Ein Jubelschrei hallt durch die verschneite, menschenleere Bergwelt, aber es ist bereits 15 Uhr, und ich kenne den Abstiegsweg ins Ofental nicht, weshalb ich mich nur schnell ins Gipfelbuch eintrage, einen Riegel esse und dann sogleich mit dem Abstieg beginne.
Das obere Stück ist weniger steil als erwartet, und so komme ich gut voran. Auch der angetaute Schnee bietet hier viel mehr Halt als der leichte Pulverschnee im Aufstieg. Nach dem flachen oberen Drittel des Abstiegs wird das Gelände jedoch rasch steiler. Eine Querung und eine Steilstufe, die ich mich an einer Sanduhr abseilen kann, bringen mich zu einer kleinen Scharte. Zwar sind es sicherlich noch 150 Höhenmeter bis zum Talgrund, doch der schwierigste Teil des Abstiegs scheint hinter mir zu liegen. Ein schwerer Trugschluss, wie ich bald merke: Das Gelände wird immer steiler, und es gilt, einige sehr unangenehme, ausgesetzte Querungen über verschneite Platten zu meistern. Zigmal seile ich mich an Sanduhren oder Felsköpfen über Steilstufen ab. Nun rächt sich das leichte 30-Meter-Seil, mit dem ich mich immer nur 15 Meter abseilen kann. Als ich endlich, nach zweieinhalb Stunden, das obere Ofental erreiche, verschwindet auch das letzte Licht des Tages.
Nun liegen die Schwierigkeiten zwar endgültig hinter mir, dafür dauert der Rückweg zum Hintersee noch einmal gute 3–4 Stunden. Ich verstaue die Eisgeräte im Rucksack und hole die Wanderstöcke und die Stirnlampe hervor. Das Gelände ist zwar nicht mehr ausgesetzt, dafür gestaltet sich das Vorwärtskommen durch das grobe Geröll entsprechend mühsam. Immer wieder verliere ich den kaum erkennbaren Pfad und muss mich zwischen großen Felsbrocken hindurchkämpfen. Erst als ich die Latschenzone erreiche, wird der Weg eindeutiger und ich komme etwas schneller vorwärts. Zwei Stunden später erreiche ich das Klausbachtal. Ebener Boden und erste Fußspuren – die Zivilisation hat mich wieder. Trotzdem zieht sich der Weg zurück zum Parkplatz noch enorm, und erst eine Stunde später, um Punkt 20 Uhr, stehe ich endlich wieder am Auto. Es war eine beeindruckende Tour, aber nach 17 Stunden, 19 Kilometern und fast 2.000 Höhenmetern will ich nur noch nach Hause ins Bett.