Vom Parkplatz Seeklause geht es auf dem markierten Weg zur Schärtenalm und weiter durch den Wald auf den ersten Gipfel, den 2.065 Meter hohen Steinberg. Auf dem anschließenden, selten begangenen Gratstück in Richtung Schärtenspitze ist das Eingehen vorbei und zum ersten Mal kommen die Hände zum Einsatz. Dennoch ist der Grat viel gutmütiger, als es im ersten Moment den Anschein hat. Nach 20 Minuten stehe ich vor der senkrecht aufragenden Nordostwand der Schärtenspitze und wechsle in die Kletterschuhe. Ich fühle mich gut und trotz der fehlenden Sicherung geht es nun überraschend genussvoll in sechs Seillängen zum Gipfel hinauf.
Auf dem langgezogenen Grat zur Eisbodenscharte brandet der Nebel von Osten an die Felsen und schafft ein beeindruckendes Schauspiel, bevor ich in den äußerst langen Nordgrat zur Blaueisspitze einsteige. Geschickt führt die Route im I. und II. Grad am ersten Blaueisturm vorbei. Am zweiten Turm hat ein Felssturz in den 1960er-Jahren jedoch für etwas schärfere Bedingungen gesorgt und an dem bekannten Spreizschritt im Kamin (IV+) packe ich zum ersten und einzigen Mal auf dieser Tour das Seil aus. Anschließend wird das Gelände wieder etwas gutmütiger und lediglich an einem 25 Meter langen Riss zum Gipfel der Blaueisspitze wird nochmals kurz der obere IV. Grad erreicht. Weiter geht es über die abgelegene Blaueisscharte und die gestufte Nordostwand zum Hochkalter, dem mit seinen 2.607 Metern höchsten Gipfel der Gruppe.
Von den Bergsteigern, die normalerweise die beliebte Hochkalterüberschreitung unternehmen, ist an diesem Nachmittag bereits nichts mehr zu sehen und so mache ich mich nach einer kurzen Rast auf, um über den Südgrat zur Ofentalscharte abzuklettern. Anstatt weiter auf dem Normalweg ins Ofental abzusteigen, bleibe ich direkt am zunehmend scharf und ausgesetzt werdenden Grat, der hoch über der riesigen Plattenflucht der sogenannten „Schönen Wand“ zum selten besuchten Schönwandeck führt, einem unbedeutenden Gratabsatz zwischen Hochkalter und Ofentalhörnl.
Dass die Wand eigentlich nicht das Einzige Schöne an diesem Tag sein sollte, sondern auch schönes Wetter angesagt war, scheint eben jenes Wetter nicht mitbekommen zu haben. Denn statt in der Sonne zu wandeln, versuche ich durch den immer dichter werdenden Nebel den Weiterweg über den Nordgrat zum besagten Ofentalhörnl zu finden, was sich als gar nicht so einfach herausstellt. Der direkte Grat wird nämlich ungangbar und ich muss einige sehr steile und rutschige Höhenmeter ins Kar absteigen. Zum Glück finde ich zwischen den Plattenwänden den richtigen Einstieg in eine dunkle Einschartung und gelange schließlich zum Gipfel.
Der Übergang vom Nordost- zum Südwestgipfel ist auf abschüssigen, äußerst ausgesetzten Bändern eine recht wackelige Angelegenheit, die nochmals volle Aufmerksamkeit erfordert. Dann wird das Gelände endlich leichter und nach einem kurzen Abstieg kann ich genussvoll über den schönen Nordgrat (II) zum Steintalhörnl klettern. Langsam wird es dunkel und ich beeile mich, über die riesige Südwestflanke ins Sittersbachtal abzusteigen.
Ein paar Meter über dem Talgrund, zwischen einigen schützenden Blöcken, richte ich mir ein einfaches Biwak ein, esse ein Croissant und versuche, etwas Schlaf zu finden. Die Nacht ist überraschend kalt, aber am folgenden Morgen ist dafür endlich der Nebel verschwunden und ich steige gleich zur Sittersbachscharte auf, um mich in der Sonne etwas aufwärmen zu können.
Auf das folgende Gratstück zur Hochfeldscharte bin ich sehr gespannt, denn in dieser Gegend war ich noch nie und in meinem Alpenvereinsbüchlein ist von einer sehr lohnenden Route die Rede. Ich halte mich mit einem Urteil extra lange zurück, denn vielleicht wird es ja noch besser. Aber später, als ich endlich den höchsten Punkt der Wimbachschneid erreicht habe, kann ich nur sagen: Was für ein Scheiß! Derjenige, der das geschrieben hat, war entweder Masochist oder Sadist. Der Grat ist extrem brüchig, splittrig und teilweise sehr ausgesetzt, die gangbare Route nicht immer eindeutig. Es ist ein Eiertanz und immer wieder muss ich an plötzlichen Abbrüchen umkehren und es auf einem anderen Weg versuchen. Na ja, ich habe es geschafft. Das ist die Hauptsache und ich kann nun unschwierig zur Hochfeldscharte absteigen.
Hier mache ich wieder eine kurze Pause, bevor mit dem Ostgrat auf die Hocheisspitze das letzte große Wagnis ansteht, denn den Rest der Tour kenne ich bereits von früheren Begehungen.
Der gezackte Beginn des Ostgrats wird laut Führer einfach im Kar umgangen und der obere Teil schaut auch nicht schwer aus. Der Mittelteil baut sich jedoch fast senkrecht auf und sieht von der Hochfeldscharte betrachtet recht beeindruckend aus. Normalerweise gibt sich das allerdings, wenn man direkt davor steht. Eine halbe Stunde später stehe ich direkt davor und der Mittelteil sieht blöderweise immer noch nicht einladender aus.
Ich klettere über eine steile Rampe auf den Grat, dann ist der Spaß endgültig vorbei. Ein feiner Riss zieht von hier nach oben. Die Route ist mit IV bewertet, aber ungesichert schaut das deutlich schwerer aus. Kann man das nicht doch irgendwie umgehen? Kann man nicht. So viel ist klar. Ich überlege hin und her. Ist es die Tour wirklich wert, dieses Wagnis einzugehen? Offensichtlich schon, denn ich ziehe meine Kletterschuhe an.
Dann starte ich einen ersten Versuch und klettere wieder zurück. Es ist und bleibt steil, aber immerhin ist hier der Fels nicht mehr so brüchig. Ich versuche es noch einmal und klettere durch. Oberhalb des Risses steckt sogar ein alter Schlaghaken. Ich klettere links vorbei und über etwas leichteren, nun wieder brüchigen Fels in eine Nische. Oberhalb der Nische befindet sich ein kleiner Überhang – noch etwas schwerer als der Riss. Na super.
Einen vernünftigen Stand kann ich nicht bauen und abklettern kann ich nun auch nicht mehr. Also bleibt nur die Flucht nach oben. Ein Blick zurück führt mir die fatalen Konsequenzen eines missglückten Versuchs deutlich vor Augen. Aber im Grunde ist es ja ganz einfach, man muss sich nur gut festhalten.
Etwas rechts der Nische befindet sich eine Schuppe, die ganz guten Halt bietet, und darüber ein kleiner Riss, der den Überhang durchzieht. Ich mache einen Zug, aber es fehlen ganz eindeutig die Henkel, um die zwei Meter sicher klettern zu können. Ich schaue noch einmal nach rechts und links, aber der Riss scheint die einfachste Stelle zu sein. Ich versuche es wieder und wieder klettere ich nach einem Zug zurück.
Schließlich fummle ich eine Schlinge aus dem Rucksack und versuche sie wie ein Lasso über eine kleine Felsnase zu werfen. Im dritten Versuch schaffe ich es und ziehe vorsichtig daran. Mit ziemlicher Sicherheit handelt es sich lediglich um eine moralische Sicherung, aber sie beruhigt die Nerven trotzdem und ich klippe meine Selbstsicherung in die Schlinge.
Ich atme tief durch, mache zum dritten Mal den ersten Zug und steige diesmal mit den Füßen ein Stück höher. Ich stehe sehr wackelig und taste mit einer Hand über dem Überhang nach einem brauchbaren Griff – und genau wie befürchtet finde ich keinen. Aber jetzt gibt es kein Zurück. Also halte ich mit ganzer Kraft einen schlechten Griff, ziehe mich nach oben und schaffe es, das Knie über den Überhang zu bekommen.
Ich bin erleichtert und atme erst einmal tief durch. Eine Rinne leitet nun in leichteres Gelände und beschwingt klettere ich zum Gipfel der Hocheisspitze. Nach einer kurzen Pause beginne ich mit der Überschreitung zum Kammerlinghorn. Das Teilstück kenne ich bereits von der Hocheisumrahmung, sodass es kein Problem mehr darstellt, auch wenn mir der Grat in diese Richtung etwas schwerer vorkommt.
Um halb vier erreiche ich mit dem Kammerlinghorn den letzten größeren Gipfel der Tour. Jetzt wartet nur noch der Karlkopf, den man im Abstieg mehr oder weniger mitnimmt. Die perfekte Zeit also, um noch etwas auf dem Gipfel zu sitzen und zufrieden auf das Geschaffte zurückzublicken? Schön wäre es, aber irgendwie ist man halt leider doch getrieben und so überlege ich schon, ob man die frühe Stunde nicht noch nutzen könnte.
Es gibt da beispielsweise eine Klettertour durch die Nordostwand auf das Kammerlinghorn. Vielleicht könnte man über die Route absteigen? Ich werfe also einen Blick in die besagte Rinne, die mir jedoch für den Abstieg zu ausgesetzt erscheint. Aber es gibt ja noch diesen kleinen, luftigen Spitz im Nordwestgrat des Kammerlinghorns – das Kleineishörnl. Das wollte ich mir sowieso einmal anschauen und es wäre doch der perfekte Ausklang.
Also steige ich nicht auf dem normalen Wanderweg über den Karlkopf zur Mittereisalm ab, sondern wandere weglos über ein scharfes Karrenfeld in Richtung Kleineishörnl. Und kurz bevor ich den Grat erreiche, passiert es.
Ich hüpfe zwischen den Karren hin und her, passe nicht richtig auf und plötzlich rutscht der Block, auf den ich springe, zur Seite weg. Ich falle ebenfalls zur Seite und mit viel Schwung direkt mit dem linken Oberschenkel gegen eine spitze Felsnase. Sofort fährt mir ein beißender Schmerz durch das Bein und ich schreie auf. Ich setze mich hin und hoffe, dass es gleich besser werden wird, aber es wird nicht besser und mir kommen vor Schmerz die Tränen.
Was tun? Das Kleineishörnl kann ich auf jeden Fall knicken, aber auf keinen Fall will ich die Bergwacht anrufen. Die würden wahrscheinlich mit dem Heli kommen und wie peinlich wäre es am Ende, wenn der Oberschenkel nur stark geprellt ist. Also mache ich mich an den langwierigen Abstieg. Allein eine Stunde brauche ich für die 250 Meter durch das kleine Karrenfeld, bis ich endlich wieder auf dem Wanderweg bin. Mein Oberschenkel schmerzt bei jedem Schritt und vor allem hohe Tritte sind die Hölle.
Schritt für Schritt steige ich weiter ab, immer mit möglichst viel Entlastung durch die Wanderstöcke. Irgendwann überholt mich ein junger Wanderer. Ich höre ein kurzes „Servus“ und schon ist er wieder verschwunden.
Dann klingelt mein Handy. Es ist meine Mutter und ich gehe ran. Sie fragt mich, wo ich gerade bin, und ich erzähle es ihr. Natürlich macht sie sich Sorgen und wir vereinbaren, dass ich mich melde, sobald ich bei der Mittereisalm angelangt bin.
Doch dann passe ich nicht richtig auf, mir fällt das Handy herunter und es ist kaum zu glauben, aber es fällt ausgerechnet auf den Startknopf, der etwas eingedrückt wird, sodass es sich nun alle fünf Sekunden neu startet.
Ich drücke etwas darauf herum, aber keine Chance, es ist nichts zu machen. Ich kann nicht mehr telefonieren und das Vibrieren alle fünf Sekunden macht mich wahnsinnig. Außerdem habe ich riesigen Durst. Oben am Gipfel habe ich alles ausgetrunken, weil ich ja sowieso bald im Tal sein würde. Nun bin ich schon seit vier Stunden in der Abendsonne unterwegs.
Ich setze alle Hoffnungen auf die Viehtränke der Mittereisalm, doch die ist leer. Ich bin völlig niedergeschlagen. Aber dann läuft keine fünf Minuten später ein kleiner Bach neben dem Weg, der auf den Karten gar nicht eingezeichnet ist. Was gibt es Schöneres!
Nun geht es über die Forststraße weiter hinab zur Bindalm, die ich nach fünf Stunden Abstieg im Dunkeln erreiche.
Langsam, aber sicher kann ich nicht mehr, doch vor der Alm steht ein Auto und ich schöpfe Hoffnung. Ich klopfe. Schließlich machen mir zwei ältere Frauen auf, die sich allerdings leider als nicht besonders hilfsbereit erweisen. Sie müssten morgen sehr früh aufstehen und hätten schon im Bett gelegen. Außerdem fragen sie mich, ob ich überhaupt wüsste, wie weit es bis Ramsau sei. Das würden sie jetzt auf keinen Fall mehr fahren.
Ich bin bedient und gehe grußlos weiter. Die Schmerzen werden immer schlimmer und noch liegt der ellenlange Hatscher durch das Klausbachtal vor mir. Ein Weg, der sich selbst in gutem Zustand gewaltig ziehen kann. Wie gerne würde ich einfach irgendwo meinen Biwaksack ausrollen und schlafen, aber spätestens am Morgen würde meine Mutter vermutlich die Bergwacht alarmieren.
Also geht es weiter und dann sehe ich um 23 Uhr Lichter hinter mir. Ein Almbauer, der auf den Kallbrunnalmen war, fährt zurück nach Ramsau und kann mich mitnehmen. Ich bin zutiefst erleichtert und bedanke mich überschwänglich bei ihm.
Um halb zwölf bin ich endlich wieder am Auto. Sieben Stunden habe ich für den Abstieg gebraucht und obwohl die Heimfahrt ebenfalls nicht gerade angenehm ist, bin ich einfach nur froh, nicht mehr laufen zu müssen.
Es war dann doch keine Prellung, sondern ein Muskelfaserriss mit massiver Einblutung in den Oberschenkel. Die Reparatur des Handys kostete weitere 200 Euro.