Seit über hundert Jahren umweht den Rädlergrat ein besonderer Nimbus. 1910 stand der damals 34-jährige Lehrer Hermann Rädler aus Langenwang am Fuß des Südwestgrats des Himmelhorns – und nahm jene Linie in Augenschein, die später zur wohl bekanntesten Route der Allgäuer Alpen werden sollte. Eine wahre Himmelsleiter, die sich auftut, sobald man vom Oytalhaus in die Allgäuer Hochalpen eintaucht.
Der Ruf der Tour ist legendär, berühmt-berüchtigt: Von fast senkrechtem Gras ist die Rede, von mürbem Gestein, großer Ausgesetztheit und schlechten Haken. Ganz so schlimm ist es dann doch nicht – zumindest nicht, wenn man den Grat mit alpiner Erfahrung angeht und nicht als reiner Kletterer. Heikles Steilgras findet sich auch in anderen Klassikern; das Material ist zwar rustikal, aber bei Weitem nicht so schlecht wie sein Ruf, und in den Schlüsselpassagen ist der Fels sogar erfreulich fest. Unbestritten bleibt das landschaftliche Ambiente vis-à-vis der Höfats schlicht grandios. Und die Vorstellung, dieses Gelände vor mehr als einem Jahrhundert allein zu betreten – ohne zu wissen, was kommt, stets die Möglichkeit einer potenziell tödlichen Sackgasse vor Augen –, flößt Respekt ein. Irgendwann stand Rädler damals vor der senkrechten Gipfelwand. Genau dort steht man auch heute.
Nur die Entscheidung ist eine andere: Wir klettern nach rechts, zwei steile Seillängen durch guten Fels, mit ausreichend Schlaghaken versehen. Links davon verläuft der Originalweg – eine nahezu senkrechte Schrofenrinne, extrem ausgesetzt, steil und heikel. Der Gedanke, hier allein einzusteigen, ist … nun ja, gruselig trifft es wohl am besten. Und so genießen wir die letzten beiden Seillängen auf der modernen Variante und erfreuen uns an dem Gedanken, dass diese Tour mit ziemlicher Sicherheit nicht unsere letzte sein wird.
Charakter
Den Rädlergrat umweht ein fast schon legendärer Nimbus. Ganz so wild, wie die Route manchmal dargestellt wird, ist sie jedoch nicht – zumindest dann nicht, wenn man klassische alpine Routen gewohnt ist. Insgesamt aber auf jeden Fall eine spektakuläre Unternehmung, die deutlich mehr den klassischen Bergsteiger als den modernen Kletterer fordert.
Absicherung
Alpine Absicherung mit Normalhaken. Zusätzliche Absicherung nicht überall gut möglich.
Zustieg
Von Oberstdorf auf ausgeschilderten Wegen zum Oytalhaus und weiter in Richtung Käseralpe. Nach einem Wasserfall folgt man dem Weg noch drei Kehren weiter, dann verlässt man ihn nach links und quert auf schwachen Pfadspuren einen zunehmend steilen Hang, bis man durch ein kurzes, steiles Waldstück in den Gaisbachtobel absteigen kann (mit dem Rad 1½ Std.).
Abstieg
Vom Ausstieg unschwierig weiter über den Grashang zum unscheinbaren Gipfel des Himmelhorns. Anschließend über den schmalen Verbindungsgrat bis zum steilen Aufschwung des Schneck-Vorgipfels (I–II). Diesen erklettert man recht direkt über sehr steiles Gelände (I–II). Am Vorgipfel erreicht man einen Pfad, der nach rechts zum Himmelecksattel hinabführt. Von dort auf dem markierten Wanderweg zur Käseralpe hinab. Auf dem Fahrweg nach rechts und über den bekannten Aufstiegsweg zurück nach Oberstdorf (2–3 Std.).