Sebastian Steude
Klettertour: Gurnwandkopf - Nordostkante Winterbegehung von Sebastian Steude

22.01.2020 · Chiemgauer Alpen

Gurnwandkopf - Nordostkante Winterbegehung

Schwierigkeit

IV/M5

Ernsthaftigkeit

E4

Länge

105m

Zeit

2 Std.

Exposition

Nordost

Erstbegeher

F. Bechtold, W. Merkl, 1920

Rechts der Hörndlwand, des neben der Kampenwand traditionsreichsten Klettergebiets der Chiemgauer Alpen, bricht der Gurnwandkopf ebenfalls mit einer hundert bis hundertfünfzig Meter hohen Wandflucht nach Norden zum Röthelmoos hin ab. Im Gegensatz zur Hörndlwand, wo inzwischen einige Touren saniert wurden, sind die Routen hier noch in ihrem Originalzustand und werden so gut wie nicht mehr beklettert.

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An einem kalten, aber trockenen Tag im Januar breche ich in Urschlau auf, um einer dieser Routen, der klassischen Nordostkante, eine Winterbegehung abzuringen. Schwer vorstellbar, dass jemand bei dieser unscheinbaren Tour schon einmal entsprechende Mühen auf sich genommen hat. Über teilweise grundlosen Pulverschnee kämpfe ich mich zum Einstieg auf einem eingeklemmten Block empor. Die erste Seillänge klettere ich noch ungesichert über schrofigen, schneebedeckten Fels, dann sichere ich mich an einer Latsche und nehme die erste steile Wandstufe in Angriff. Der plattige Fels bietet den Steigeisen wenig Halt, langsam schiebe ich mich nach oben, suche mit dem Eisgerät Halt in einem kleinen Riss, doch plötzlich rutsche ich weg und hänge auch schon drei Meter weiter unten im Seil. Ein Friend wurde ausgerissen, aber der kleine BD-3er-Klemmkeil hat glücklicherweise gehalten. Ich sammle mich kurz, dann starte ich den zweiten Versuch, und diesmal klappt es. Nach der Stufe folgt eine längere Links-Rechts-Querung, dann stehe ich unter dem zweiten steilen Aufschwung (IV), der schließlich, immer flacher werdend, zum Vorgipfel führt.

Der Fels ist weitestgehend schneefrei, und ich lasse die Eisgeräte am Stand, dann steige ich vorsichtig in die Passage ein. Die Absicherung, die nur aus zwei uralten Schlaghaken besteht, kann durch zwei Klemmkeile leidlich ergänzt werden; einen weiteren Sturz möchte ich aber nicht riskieren, weshalb ich mich langsam und vorsichtig nach oben arbeite. Als ich endlich einen dicken Latschenast erreiche, lege ich eine Schlinge, und ein großer Teil der Anspannung fällt von mir ab. Die flacher werdende Kante bietet jetzt keine besonderen Schwierigkeiten mehr, und ich erreiche schließlich im letzten Licht der untergehenden Sonne den Vorgipfel. Ich pausiere kurz, dann stelle ich mich dem unausweichlichen Latschenkampf zum Hauptgipfel und steige im Schein meiner Stirnlampe zufrieden über das kleine, bestandene Abenteuer zurück nach Urschlau ab.

Charakter

Schöne Kletterei über die gestufte Kante. Sehr aussichtsreich. Leider teilweise etwas brüchig.

Absicherung

Sporadisch mit Normalhaken von teilweise zweifelhafter Qualität abgesichert. Zusätzliche Absicherung mit Friends und Schlingen erforderlich.

Zustieg

Vom Parkplatz Seehaus folgt man dem ausgeschilderten Wanderweg zur Brander Alm. Oberhalb der Alm geht es wieder in den Wald, wo man nach ca. 15 Minuten eine ausgeschilderte Abzweigung erreicht. Man hält sich rechts und steigt nun zur unbewirtschafteten Hörndlalm auf. Nach der Alm bleibt man noch auf dem Jägersteig, bis man geradeaus durch Latschen querend das Schuttkar unterhalb des Gurnwandkopfs erreicht. Über eine Schrofenrinne (I) und einen kurzen Kamin (II) erreicht man den Grasabsatz zwischen Nordturm und Nordwand. Die Nordostkante beginnt unmittelbar links der Nordwand bei einem markanten Klemmblock, der eine natürliche Brücke bildet (2 Std.).

Abstieg

Vom Ausstieg muss man noch ca. 15 Minuten über einen anfangs schmalen Grat, dann durch Latschen zum Obinger Kreuz aufsteigen. Von dort kann man auf einem deutlichen Pfad zum südlichen Hochplateau absteigen. Über einen der ausgeschilderten Wanderwege gelangt man zurück zum Ausgangspunkt (1½–2 Std.).

Bilder