An einem kalten, aber trockenen Tag im Januar breche ich in Urschlau auf, um einer dieser Routen, der klassischen Nordostkante, eine Winterbegehung abzuringen. Schwer vorstellbar, dass jemand bei dieser unscheinbaren Tour schon einmal entsprechende Mühen auf sich genommen hat. Über teilweise grundlosen Pulverschnee kämpfe ich mich zum Einstieg auf einem eingeklemmten Block empor. Die erste Seillänge klettere ich noch ungesichert über schrofigen, schneebedeckten Fels, dann sichere ich mich an einer Latsche und nehme die erste steile Wandstufe in Angriff. Der plattige Fels bietet den Steigeisen wenig Halt, langsam schiebe ich mich nach oben, suche mit dem Eisgerät Halt in einem kleinen Riss, doch plötzlich rutsche ich weg und hänge auch schon drei Meter weiter unten im Seil. Ein Friend wurde ausgerissen, aber der kleine BD-3er-Klemmkeil hat glücklicherweise gehalten. Ich sammle mich kurz, dann starte ich den zweiten Versuch, und diesmal klappt es. Nach der Stufe folgt eine längere Links-Rechts-Querung, dann stehe ich unter dem zweiten steilen Aufschwung (IV), der schließlich, immer flacher werdend, zum Vorgipfel führt.
Der Fels ist weitestgehend schneefrei, und ich lasse die Eisgeräte am Stand, dann steige ich vorsichtig in die Passage ein. Die Absicherung, die nur aus zwei uralten Schlaghaken besteht, kann durch zwei Klemmkeile leidlich ergänzt werden; einen weiteren Sturz möchte ich aber nicht riskieren, weshalb ich mich langsam und vorsichtig nach oben arbeite. Als ich endlich einen dicken Latschenast erreiche, lege ich eine Schlinge, und ein großer Teil der Anspannung fällt von mir ab. Die flacher werdende Kante bietet jetzt keine besonderen Schwierigkeiten mehr, und ich erreiche schließlich im letzten Licht der untergehenden Sonne den Vorgipfel. Ich pausiere kurz, dann stelle ich mich dem unausweichlichen Latschenkampf zum Hauptgipfel und steige im Schein meiner Stirnlampe zufrieden über das kleine, bestandene Abenteuer zurück nach Urschlau ab.