Werner Schertle war der wohl bekannteste und umtriebigste Vertreter des Diretissima-Zeitalters in den Berchtesgadener Alpen. Bereits sehr früh, 1962, gelang ihm gemeinsam mit Heinz Steinkötter die Direkte Pfeilersüdwand am Berchtesgadener Hochthron. Obwohl er in den folgenden Jahren noch zahlreiche weitere, meist sehr anspruchsvolle und oft hakentechnische Routen beging: Die 300 Meter lange Route, fortan nur noch als Schertlepfeiler bekannt, sollte sein Meisterstück bleiben und er galt lange Zeit als wildeste und luftigste Kletterei der Berchtesgadener Alpen.
Der Pfeilerriss am Vorderen Feuerhörndl gehört zu den eher ungewöhnlichen Touren Schertles, weist er doch keine hakentechnischen Schwierigkeiten auf, sondern von unten bis oben schöne, wenn auch sehr anspruchsvolle Freikletterei. Da laut dem Alpenvereinführer die Erstbegeher im oberen Drittel jedoch nach links ausgewichen und über einen schrofigen Einschnitt den Ausstieg erreichten, waren es wohl die Salzburger Franz Gruber und Heini Renzl, denen, in Verbindung mit dem direkten Ausstieg über die Fortsetzung des markanten Einrisses durch die, von unten betrachtet, ziemlich abweisend aussehende Gipfelwand, die komplette Erstbegehung des Pfeilerrisses gelang.
Obwohl die damals angegebenen Schwierigkeiten (V+) wie auch die heutige Bewertung (VI) eher moderat erscheinen, sollte das nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Route eine äußerst anspruchsvolle, alpine Gesamtunternehmung ist. Bei unserer Wiederholung Ende Juli 2026 haben wir sowohl die Länge als auch die Schwierigkeiten (zugegebenermaßen auch etwas in die Irre geleitet durch ein fehlerhaftes Topo im Panico-Führer) deutlich unterschätzt. Der Zustieg bleibt zwar mit 2 Stunden ab Oberjettenberg eher moderat, dann geht es jedoch gleich zur Sache und aus zwei, wie wir dachten, eher leichten Zustiegsseillängen, wurden gleich mal drei bereits recht anspruchsvolle und vor allem fast maximal ausgereizte Seillängen, bis wir unter dem eigentlichen Riss standen. Nun beginnt eine sehr steile Kaminreihe. Der Fels ist extrem rau, sodass praktisch jeder unbeabsichtigte und auch der ein oder andere beabsichtigte Kontakt mit ihm zu kleineren Verletzungen führt.
Die Kamine sind teilweise so eng, dass selbst wir als doch recht schlanke Personen gerade so hineingepasst haben. Das war es dann aber auch. Jetzt war man zwar drinnen verkeilt und konnte nicht mehr rausfallen - höher kam man so aber auch nicht. Nach vielfachem, teilweise zeitraubendem Hin und Her wurschtelte man sich dann doch irgendwie höher, es war eine wahre Kamingaudi. Solche Klettereien führen die Schwierigkeitsbewertungen tatsächlich etwas ad absurdum, denn wenn man einen solchen Ver oder VIer gerade noch so klettern kann, müsste ein VIIer praktisch unmöglich sein. Und dass man mit Rucksäcken überhaupt keine Chance mehr hat, versteht sich von selbst.
Nach der Schlüsselseillänge dachten wir, wir haben das Gröbste geschafft, doch die Tour bleibt anspruchsvoll und leichter als ein Ver wird es nur selten. Da das Heraufziehen der Rucksäcke viel Zeit kostete und das wenige fixe Material natürlich auch ergänzt und ausgebessert werden will, war es bereits spät am Nachmittag, als wir endlich das kleine Latschenfeld erreichten, an dem man nach links ausqueren kann (hier gäbe es auch eine schöne Biwakhöhle). Nun sind es allerdings immer noch sechs (vier fälschlicherweise bei Panico) Seillängen bis zum Ausstieg. Vor allem die erste ist nochmal sehr anspruchsvoll mit einem überhängenden Einstieg und einem anschließenden engen Kamin mit mehreren, lockeren Blöcken. Die Zeit rückte unermüdlich vor, dafür wurde das Ambiente jedoch im Licht der untergehenden Sonne immer schöner und so versuchten wir das Gute im nicht ganz so Guten zu sehen, als wir um Viertel vor Neun endlich am Ausstieg standen - umringt von zahllosen Latschen, die uns anschließend schier gar nicht gehen lassen wollten, nach uns griffen, an unserer Kleidung und unseren Haaren zerrten - ein widerspenstiges Völkchen. Irgendwie schafften wir es dennoch bis auf den Verbindungssteig, der inzwischen perfekt ausgeschnitten, erst auf den Hirscheck hinauf (so wurde der Ab- erst einmal zum Aufstieg) und dann zur Seilbahnstation führte.
Wir sind sicherlich beide keine großartigen Seilbahnfahrer, dennoch hätten wir in diesem Moment sicherlich nicht dankend abgelehnt, wenn uns müde Kletterer ein paar nette Soldaten eine entspannte Talfahrt angeboten hätten; doch das Gelände war völlig verwaist und so blieb uns nichts anderes übrig, als in einsetzender Dunkelheit über das Wartsteinband ins Kar abzusteigen und anschließend im Licht der Handy-Taschenlampe (Stirnlampen hatten wir im Juli natürlich nicht dabei) weiter nach Oberjettenberg abzusteigen. Zumindest am Ende war es dann aber doch noch eine Punktlandung, denn als wir gerade die Straße erreicht hatten, war der Handyakku leer und das Licht ging aus.