Sebastian Steude
Klettertour: Hochkalter - Blaueisumrahmung von Sebastian Steude

12.10.2018 · Berchtesgadener Alpen

Hochkalter - Blaueisumrahmung

Schwierigkeit

IV+

Ernsthaftigkeit

E3+

Länge

4200m

Zeit

6-8 Std.

Exposition

Nord

Erstbegeher

L. Bley, K. v. Kraus, H. Rüsch, E. v. Siemens, 1925

Die Blaueisumrahmung. Neben der Watzmann-Ostwand einer der alpinen Klassiker in den Berchtesgadener Alpen. 5 Kilometer, 8 Gipfel, Kletterschwierigkeiten bis zum oberen IV. Grad und 6–8 Stunden reine Geh- bzw. Kletterzeit ohne Zu- und Abstieg.

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Es herrscht noch tiefste Dunkelheit, als wir aus der warmen Stube der Blaueishütte ins Freie treten. Die Luft ist frisch und kalt. Ruhig liegt der große, von tausenden Felsbrocken gefüllte Blaueiskessel vor uns. Dahinter erheben sich die traurigen Reste des einstigen Blaueisgletschers, der den Zusatz „Gletscher“ allerdings seit einigen Jahren kaum noch verdient. Schweigend wandern wir zu den geneigten Plattenfluchten, die vom Steinberg aus in den Kessel münden. Ein markierter Weg sucht sich geschickt die leichteste Route durch die Flanke, und nur selten müssen wir die Hände zu Hilfe nehmen. Eine halbe Stunde später stehen wir am Gipfel des Steinbergs und werden von den Strahlen der im Osten aufgehenden Sonne gewärmt. Anschließend klettern wir über den kurzweiligen Grat zum Einstieg in die Nordostwand der Schärtenspitze. Hier kommt zum ersten Mal das Seil zum Einsatz, wobei sich die Schwierigkeiten auf eine abdrängende Rampe in der zweiten Seillänge beschränken, und wir schon 45 Minuten später den Gipfel erreichen.

An der Eisbodenscharte tauchen wir dann endgültig in alpines Gelände ein. Keine Markierungen, sondern nur noch vereinzelte Steinmänner weisen den Weg zu einer breiten Rinne, über deren rechte Begrenzung wir in leichter Kletterei rasch an Höhe gewinnen. Unterhalb des 1. Blaueisturmes sind wir uns kurzzeitig unsicher, finden dann aber das richtige Band, über das wir unterhalb des Gipfels teilweise sehr ausgesetzt auf die Ostseite queren können.

Als wir um eine Kante blicken, sehen wir zum ersten Mal den senkrechten, dunkel und abweisend wirkenden Gipfelaufschwung zum 2. Blaueisturm, der Schlüsselstelle der gesamten Tour. Ein entmutigender Anblick! Eine erste Wandstufe erklettern wir noch seilfrei, anschließend machen wir an einem massiven Ringhaken Stand. Ohne groß nachzudenken, folge ich dem hier ansetzenden ausgesetzten Band zu einem roten Normalhaken vor einem großen Absatz. Wie geht es nun weiter? Das Band verengt sich und scheint schließlich in einen Kamin in Gipfelfalllinie zu münden. Andererseits soll die Seillänge eigentlich nur 30 Meter lang sein, und ich bin jetzt schon bei knapp 35 Metern. Ich schaue nochmal ins Topo: Genau! Dem Grat 30 Meter folgen – und nicht über das Band. Hm. Wenige Meter vor mir liegt eine Felsnische, aber so sehr ich auch suche, es ist nirgends ein Standhaken zu finden. Rechts von mir befindet sich eine nicht allzu hohe, aber relativ steile Wandstufe, durch die sich ein kaminartiger Riss zieht. Vielleicht hier? Aber dann hätte doch sicherlich jemand einen Normalhaken geschlagen. Also doch weiter dem Band folgen? Vorsichtig taste ich mich vor, aber das ist zu weit, und vor dem anschließenden Kamin gibt es noch eine Unterbrechungsstelle, die alles andere als einfach aussieht. Also wieder zurück zum Absatz. Ein weiteres Mal schaue ich ins Topo, aber es scheint alles zu passen. Langsam werde ich ungeduldig. Hier muss doch irgendwo der Stand sein! Ist er aber offensichtlich nicht. Schließlich entscheide ich mich doch für den Risskamin.

Leicht sind die paar Meter nicht. Spreizend schiebe ich mich Stück für Stück höher, ein guter Friend sorgt für die nötige Absicherung, dann bin ich auf dem oberen Absatz und sehe rechts von mir einen Ringhaken blitzen. Das kann doch nicht wahr sein! „Ich bin so ein Depp!“, fährt es mir durch den Kopf. Im Topo steht es sogar: 30 Meter über den Grat – und nicht über das Band. Aber irgendwie war das Band für mich so logisch, dass ich nicht weitergedacht habe. Eine halbe Stunde hat das gekostet, aber immerhin sind wir wieder richtig.

Mit der nächsten Seillänge hat Rebecca keine Probleme. In leichtem Zickzack wird der nächste Absatz erreicht, dann steige ich wieder vor und klettere durch einen kurzen, steilen Riss zum Stand unter der Schlüsselstelle. Die Begeisterung, dass sie nun die Schlüsselstelle im Vorstieg hat, fällt bei Rebecca eher verhalten aus. Wir stehen direkt am Fuß eines breiten Spaltes zwischen dem Gipfel des 2. Blaueisturmes und einem Gratturm, der seit einem großen Felssturz Mitte der 50er-Jahre die Unternehmung deutlich erschwert hat. Und der Spalt sieht wirklich beängstigend aus.

Von unten kann man kaum glauben, dass er überhaupt überwindbar ist. Allerdings habe ich wohl die Schrittlänge von Rebecca unterschätzt. Immer an der Kante entlang klettert sie die ersten sechs Meter bis zu einem großen Normalhaken, der sich in ihrer Position nur schwer klippen lässt und damit überraschend die eigentliche Schlüsselstelle wird. Ist man erst einmal beim Haken, kann man problemlos auf eine von unten nicht sichtbare Leiste treten und sich hinüberschwingen. Anschließend hangelt man zwei Meter nach links, klippt einen weiteren Normalhaken und sichert den Rückschwung zur gegenüberliegenden Wand. Ein kurzer Riss, dann ein freudiger Schrei – Rebecca steht am Stand.

Während ich nachsteige, bin ich beeindruckt, denn leicht ist die Seillänge wirklich nicht.

Über schottrige Bänder erreichen wir eine ausgesetzte, aber leichte Wandstufe, über die wir in schöner Kletterei den dritten Blaueisturm erreichen. Gegenüber sehen wir schon das Kreuz der Blaueisspitze, doch dazwischen müssen wir erst in eine deutlich tieferliegende Scharte abklettern. Durch einen schmalen Felsspalt gelangen wir auf die Ostseite der Blaueisspitze. Wie Rebecca durch den dunklen Spalt ins Licht tritt, hat etwas fast Symbolisches.

Dann stehen wir unter der letzten schweren Seillänge. Ein fünfzehn Meter hoher Riss zieht zum Gipfelkamm. Links gäbe es noch einen Kamin, der laut Topo leichter sein soll, aber im Riss steckt immerhin ein Normalhaken, der die ersten Meter absichert. Schnell klettern heißt die Devise. Der Rest ist leichter, und am Kamm finde ich einen guten Köpfl, an dem ich Rebecca nachholen kann. Gemeinsam folgen wir dem Gratrücken zum Gipfel der Blaueisspitze.

Es ist bereits 15 Uhr, und der Hochkalter ist noch durch die Blaueisscharte getrennt. Wir gönnen uns eine kurze Pause und steigen dann in die Scharte ab. Unter uns liegen die kümmerlichen Reste des Gletschers. Durch das Labyrinth aus Felsblöcken suchen wir den Weg zum Hochkalter. Die Rinne ist komplett schneebedeckt, wir queren links in eine Verschneidung, werden dann aber wieder in die Rinne gezwungen. Der Schnee ist hart gefroren, alte Spuren helfen. Ein Ausrutscher wäre keine Option. Sobald möglich, verlassen wir die Rinne wieder und erreichen über gestuften Fels den Gipfel des Hochkalters kurz vor 16 Uhr. Der Gipfel ist leer, wir tragen uns ein, essen eine Banane und beginnen den Abstieg Richtung Hintersee.

Charakter

Neben der Watzmann-Ostwand ist die Blaueisumrahmung der alpine Klassiker in den Berchtesgadener Alpen. Die äußerst lange Gratüberschreitung führt über die sechs Gipfel, die sich rund um das Blaueis erheben. Wer die Tour an einem Tag vom Tal aus absolviert, darf sich am Ende zu einer strammen Fitness beglückwünschen.

Absicherung

Die wichtigsten Stände sind eingerichtet (Ringbohrhaken), und an den schweren Stellen stecken sporadisch Normalhaken.

Zustieg

Auf dem markierten Wanderweg über die Schärtenalm in ca. 2 Stunden zur Blaueishütte. Von der Hütte an den Platten des Steinbergs vorbei unter die Westabbrüche der Schärtenspitze und auf dem markierten Steig in Richtung Steinberg (I). Auf ca. 1.900 Metern Höhe zweigt bei einem großen Steinmann ein Schuttsteig nach rechts ab. Dieser führt felsdurchsetzt (I–II, NH und BH) in die markante Scharte unter der Schärtenspitze (2½–3 Std.).

Abstieg

Vom Gipfel des Hochkalters dem markierten, ausgeschilderten Steig über Kleinkalter und Rotpalfen zum „Schönen Fleck“ folgen (Stelle II, teilweise I). Von dort ca. 80 Meter über Platten steil ins Schuttkar abklettern (II) und den Pfadspuren durch das Kar hinab folgen, bis der Weg wieder deutlicher wird und zur Blaueishütte führt. Von der Blaueishütte steigt man über den Wanderweg zur Schärtenalm und weiter zum Hintersee ab (4 Std.).

Bilder