Weglos, unauffällig, versteckt – kaum jemand würde sich hierher verirren. Wäre da nicht diese Wand. Fast 500 Meter stürzt sie sich nahezu senkrecht in die Tiefe. Besonders im warmen Gelb-Orange des Abendlichts zieht sie die Blicke magisch an. Und wer sie als Kletterer erblickt, der will hinauf. Doch dass das nicht einfach werden würde, musste auch die lokale Szene bald erkennen. Ganze acht Durchstiegsversuche scheiterten in den 1920er- und 1930er-Jahren. Die Wand galt bereits als „unkletterbar“. Ein menschgemachtes Etikett, das sich im Alpinismus oft als voreilig erweist – denn meist braucht es nur eines: Zeit.
Nach dem letzten gescheiterten Versuch vergingen 19 lange Jahre. Schließlich fiel die Wand im September 1951 doch noch. Hans Herbst, Sepp Schmiderer und Toni Dürnberger gelang der erste Durchstieg mit einem Biwak – und damit die letzte große Wand der Berchtesgadener Alpen.
Kühn, wild, lang, schwer abzusichern – die Adjektive, die der Dürnberger-Führe über die Jahre zugeschrieben wurden, sorgten für einen gewissen Nimbus. Vielleicht auch deshalb blieb die Zahl der Wiederholungen überschaubar. Ab den frühen 2000er-Jahren war es vor allem das Duo Brüderl/Amann, das mit mehreren Neutouren an der Alpawand ein neues Kapitel aufschlug und die Klassiker gleichzeitig zunehmend in den Hintergrund treten ließ.
Zumindest bis Juli 2024, als ich gemeinsam mit Flo Hübschenberger die klassische Dürnberger-Führe wiederholte. Unser Fazit: Ja, die Tour ist anspruchsvoll, und den Erstbegehern gebührt größter Respekt. Und ja, es stecken heute nur noch wenige Haken – etwa 30 haben wir gezählt. Dabei sollte allerdings nicht verschwiegen werden, dass die Erstbegeher einst deutlich mehr Haken geschlagen hatten – 90 an der Zahl. Sie hatten am zweiten Tag allerdings auch mit Nebel und Regen zu kämpfen.
Der Vorbau? Ziemlich schrofig. Die Empfehlung im Alpenvereinsführer, hier „bereits zu sichern“, lässt uns noch immer schmunzeln. Insgesamt erschien uns die Route jedoch weniger wild als erwartet. Die Schwierigkeiten sind konstant, bewegen sich meist zwischen dem oberen IV. und dem VI. Grad, und abgesehen von wenigen Ausnahmen lässt sich alles gut mit Friends und Keilen absichern.
Weniger erfreulich fanden wir hingegen die Bohrhaken, die sich mittlerweile in der Schlüsselseillänge sowie in der vorletzten Seillänge befinden. Es ist bedauerlich, dass bei der Einrichtung neuer Routen keine Rücksicht auf die bestehenden Klassiker genommen wurde. Bohrhaken verändern den Charakter alpiner Routen grundlegend. Wer neue Linien erschließt, sollte sich mit der Geschichte einer Wand auseinandersetzen – und ihr gerecht werden.
Das häufig vorgebrachte Argument „Das klettert doch eh keiner mehr“ überzeugt nicht. Natürlich kann jeder seine Route gestalten, wie er möchte. Bestehende Linien sollten jedoch ihren ursprünglichen Charakter behalten dürfen. Man stelle sich nur vor, der Tourismusverband Lofer käme auf die Idee, einen Klettersteig durch die Alpawand zu legen und dabei Teile der Brüderl/Amann-Routen mit Drahtseilen zu versehen. Der Aufschrei wäre vermutlich groß.
So bleibt die Dürnberger-Führe ein Mythos unter den großen Routen der Berchtesgadener Alpen – wirklich wiederholen lässt sie sich allerdings nicht mehr. Es bleibt zu hoffen, dass andere Klassiker von dieser Entwicklung verschont bleiben. Denn auch heute noch gibt es sie: die klassischen Alpinkletterer. Wir sind vielleicht nicht viele, aber wir sind da. Und wir möchten auch in Zukunft noch lohnende Routen erleben dürfen. Ganz pur, ganz ursprünglich. Und ganz ohne Bohrhaken.